Claude Code im Linux-Kernel, das hätte ich vor einem Jahr für die Überschrift eines Satireblogs gehalten. Seit Samstag steht es in einer Patch-Beschreibung von Linus Torvalds, ganz unten, unter der Zwischenzeile „Tools“. Ich arbeite jeden Tag mit demselben Werkzeug, allerdings an Blogtexten und nicht an der Speicherverwaltung eines Betriebssystems.
Kernel-Entwickler bin ich keiner, und ich werde in diesem Leben auch keiner mehr. Die Beschreibung habe ich trotzdem bis zum Ende gelesen, weil dort etwas steht, das in den Meldungen dazu kaum vorkommt: Torvalds zählt zehn Probleme auf, die seine eigene Arbeit noch hat.
- Linus Torvalds hat am 10. Oktober 2026 in seinem Kernel-Repository auf git.kernel.org den Zweig noref-filemap-read-with-llm angelegt: acht Patches für die Speicherverwaltung, Basis ist Linux 7.3-rc6.
- Unter „Tools“ schreibt er, Code, Testprogramme, die Prüfung der Problemliste und der erste Entwurf des Textes seien mit Claude Code unter seiner Anleitung entstanden. Gemessen hat er auf dem eigenen Rechner.
- Auf seinem Laptop mit Intel i7-8565U steigen die Lesezugriffe von acht Threads auf dieselbe Datei von rund 10 auf 30 bis 33 Millionen pro Sekunde, die Kosten pro Zugriff sinken auf etwa ein Viertel.
- Die Beschreibung nennt zehn bekannte Probleme. Eine Test-VM lief ohne die letzten beiden Patches in den Speichermangel, bei CMA gibt es einen Rückschritt, und getestet ist laut Torvalds nur diese eine Maschine.
- Der Zweig liegt nicht im Hauptzweig. Ob er im Merge-Fenster für Linux 7.4 landet, ist offen. Ein zweiter KI-gestützter Zweig hat laut Torvalds drei Fehler gefunden, die seit 2013 im Code stehen.
Claude Code im Linux-Kernel: Der Hinweis steht ganz unten
Gefunden hat den Zweig Michael Larabel von Phoronix, während er auf den nächsten Testkandidaten von Linux 7.3 wartete. In Torvalds’ Repository liegt normalerweise nur der Hauptzweig. Jetzt gibt es dort einen zweiten mit dem Namen noref-filemap-read-with-llm, das Kürzel für Sprachmodelle hängt also schon im Titel.
Obenauf sitzt ein leerer Commit vom Samstag, 10. Oktober, 7:05 Uhr, der nur aus Text besteht. Ich habe ihn auf git.kernel.org gelesen, viele Bildschirmseiten über Speicherseiten und Wartefristen.
Kurz vor Schluss kommen zwei Sätze. Der Code, die Testprogramme, die Prüfung hinter der Problemliste und der erste Entwurf dieses Textes seien mit einem LLM-Coding-Assistenten entstanden, in Klammern Claude Code, „under my direction“. Die Messungen liefen auf seiner Maschine.
Mehr steht da nicht. Torvalds hat laut Phoronix schon früher gesagt, dass er KI für ein brauchbares Werkzeug hält, er hat sie bei der Fehlersuche benutzt und außerhalb des Kernels damit herumprobiert. Dass er sie an einem neuen Kernel-Feature mitschreiben lässt, ist neu.
Acht Threads lesen dieselbe Datei und bremsen sich an einem Zähler aus
Das Problem dahinter verstehe sogar ich. Linux hält gelesene Dateien im Seiten-Cache vor. Seiten-Cache = der Teil des Arbeitsspeichers, in dem Dateiinhalte liegen, damit nicht jeder Zugriff bis zur SSD muss. Wer daraus liest, trägt sich bisher kurz in einen Zähler ein und wieder aus, damit die Seite währenddessen nicht verschwindet.
Lesen viele Threads gleichzeitig kleine Häppchen aus derselben Datei, streiten sich alle Prozessorkerne um diesen einen Zähler. Das Problem ist laut der Beschreibung seit 2024 bekannt, gemeldet aus der Last eines Kunden. Zwei frühere Lösungsversuche sind an Sonderfällen hängen geblieben.
Torvalds’ Reihe dreht die Logik um. Niemand trägt sich mehr ein, dafür wird eine Seite, die aus dem Cache fliegt, erst nach einer kurzen Wartefrist wiederverwendet. Man kann es sich wie eine Bibliothek vorstellen, in der keiner mehr die Ausleihliste unterschreibt, weil der Bibliothekar aussortierte Bücher immer erst wegwirft, wenn alle den Lesesaal verlassen haben.
Auf seinem Laptop, einem Vierkerner mit Intel i7-8565U, schaffen acht Threads damit 30 bis 33 Millionen Lesezugriffe pro Sekunde statt rund 10 Millionen. Torvalds warnt selbst vor dieser Zahl, weil das Gerät bei Hitze drosselt. Belastbarer seien die Kosten pro Zugriff, und die fallen von knapp 3000 Prozessorzyklen auf gut 700.
Zehn offene Probleme, aufgeschrieben vom Autor selbst
Der Teil, der mich länger beschäftigt hat als die Werkzeug-Zeile, trägt die Überschrift „Known problems, and what I’d like eyes on“. Zehn nummerierte Punkte, und keiner davon ist Höflichkeit. Der erste: Die wartenden Speicherseiten sind für die Speicherverwaltung unsichtbar.
In einem Test mit einer kleinen virtuellen Maschine hat der Kernel deshalb ein Programm wegen Speichermangels beendet, während hunderte Megabyte nur auf ihre Freigabe warteten. Zwei der acht Patches entschärfen das. Den Grenzwert darin nennt Torvalds wörtlich eine Schätzung, und für eine Speicherfunktion namens CMA hält er fest, dass seine Reihe im jetzigen Zustand ein Rückschritt ist.
Punkt sieben listet auf, was nie gelaufen ist: die üblichen Dateisystem-Tests, mehrere Prüfwerkzeuge des Kernels, ein Bau mit dem Compiler Clang, 32-Bit-Systeme. Die Aufzählung endet mit „any machine but this one“. Ein anderer Punkt heißt übersetzt „Argumente, die nur Argumente sind“.
Wer bei KI-Code an ungeprüfte Massenware denkt, findet hier das Gegenstück: einen Text, der vor allem aufzählt, was fehlt. Ob diese Sätze von Torvalds stammen oder aus dem ersten Entwurf des Werkzeugs, lässt sich von außen nicht sagen.
Im selben Kernel-Zyklus kommen die Netzwerk-Maintainer mit KI-Patches nicht mehr nach
Zwei Tage vorher hat Phoronix die andere Seite beschrieben. Die Betreuer des Netzwerk-Teils haben über 50 Korrekturen auf Linux 7.4 verschoben, weil die Menge an Fehlerberichten und Patches aus KI-Werkzeugen nicht mehr in den laufenden Zyklus passt. Jakub Kicinski schrieb dazu in seiner Sammel-Einreichung sinngemäß, die Lage sei eben, wie sie ist.
Am Sonntag tauchte bei Torvalds dann noch eine zweite Markierung auf, assoc-array-fixes. Ein gemeldeter Fehler steckte in Code, der ihm nach eigenen Worten zu undurchsichtig war. Also habe er getan, was er predige, und ein Sprachmodell die großen Funktionen in lesbare Stücke zerlegen lassen, zitiert ihn Phoronix. Der anschließende Testlauf bestätigte den Fehler und fand drei weitere, alle aus dem ersten Commit von 2013.
Dasselbe Werkzeug also, einmal als Flut für Menschen, die jeden eingereichten Patch lesen müssen, und einmal in der Hand von jemandem, der die Aufgabe stellt und das Ergebnis selbst nachmisst.
Viele Texte hier entstehen mit Claude Code, das steht seit September in einem meiner Artikel. Torvalds’ Absatz hat mich trotzdem erwischt, weil er so beiläufig daherkommt, zwei Sätze am Ende einer sehr langen Patch-Beschreibung. Vielleicht sieht so der Moment aus, in dem ein Werkzeug normal wird: Man erwähnt es noch, aber man erklärt es nicht mehr.
Torvalds und Claude Code: die kurzen Antworten
Nutzt Linus Torvalds KI für den Linux-Kernel?
Ja. In der Beschreibung seines Zweigs noref-filemap-read-with-llm vom 10. Oktober 2026 schreibt er, Code, Testprogramme und der erste Textentwurf seien mit Claude Code unter seiner Anleitung entstanden. Ein zweiter Zweig namens assoc-array-fixes ist nach seinen Worten ebenfalls mit LLM-Hilfe gebaut.
Kommt der Claude-Code-Patch in Linux 7.4?
Das ist offen. Der Zweig liegt in Torvalds’ Repository, aber nicht im Hauptzweig, und er selbst nennt zehn ungelöste Punkte, für die er Prüfung durch andere Entwickler erbittet. Phoronix hält das Merge-Fenster für Linux 7.4 für möglich, eine Zusage gibt es nicht.
Was bringt der Patch normalen Linux-Nutzern?
Vorerst nichts, er steckt in keinem veröffentlichten Kernel. Der Gewinn entsteht, wenn viele Threads gleichzeitig kleine Stücke derselben Datei lesen. Torvalds erwartet auf Maschinen mit mehr Prozessoren einen größeren Effekt als auf seinem Laptop, gemessen hat er das nicht.
Was ist Claude Code?
Claude Code ist ein Programmier-Assistent von Anthropic, der im Terminal läuft. Er arbeitet direkt in den Dateien eines Projekts und schreibt dort Code und Tests nach Anweisung. Die Verantwortung für das Ergebnis bleibt bei dem, der es einreicht.
Ein Zweig mit zehn offenen Punkten ist noch kein Durchbruch
Dass Torvalds KI benutzt, wusste man. Mich interessiert an dem Absatz das „under my direction“ und der Nachsatz über die Messungen auf seiner Maschine. Da steht, wer geführt hat und wer geradesteht.
Mehr als das ist Claude Code im Linux-Kernel aber noch nicht. Es ist ein Zweig mit zehn offenen Punkten, gemessen auf einem Laptop, und ob er nach dem Release von Linux 7.3 in die nächste Version wandert, entscheidet sich erst im Merge-Fenster. Auf meinem Fedora-Rechner käme das ohnehin erst Monate später an.
Die Frage, ob man das im Kernel darf, scheint ganz oben beantwortet. Wie die Maintainer weiter unten mit der Menge fertig werden, weiß gerade niemand.






Kommentare