Ich habe es jahrelang mit Alexa versucht. Anfangs neugierig, später routiniert, irgendwann habe ich es gelassen. Nicht weil sie nichts kann, sondern weil sie schlechte Witze erzählt und sich gerne zu Zeiten meldet, in denen niemand mit ihr sprechen wollte. Dazu kommt das Thema Datenschutz, das hier offenbar anders gewichtet wird als in dem Land, in dem sie groß geworden ist. Meine Tochter findet die Witze übrigens lustig, das ist auch ein Argument.
Jetzt soll Alexa schlauer werden. Alexa+ heißt die neue Version, ist seit dem 7. Mai im Early Access in Deutschland verfügbar und kostet ohne Prime 22,99 Euro im Monat. Knapp das Doppelte meines Spotify-Abos, für eine Software, deren Mikrofon bei uns seit Monaten ausgeschaltet ist.
Was Alexa+ kann, und wo Amazon endlich liefert
Alexa+ ist Amazons Antwort auf das, was Sprachassistenten seit ChatGPT eigentlich sein sollen. Die Assistenz versteht Kontext über mehrere Anweisungen hinweg, erinnert sich an frühere Gespräche, formuliert ganze Aufgaben aus, statt nur einzelne Befehle abzuarbeiten. „Alexa, hier ist es zu heiß“ reicht laut Amazon, damit das System die Heizung erkennt, herunterregelt und gleichzeitig die Markise ausfährt.

Hinter dem Auftritt stecken generative KI-Modelle, also Sprachmodelle, die Text in natürlicher Form erzeugen, nicht aus festen Bausteinen zusammenklicken. Welche Modelle Amazon konkret einsetzt, sagt das Unternehmen nicht. Aus den USA, wo Alexa+ seit Anfang 2026 läuft, ist bekannt, dass die Antworten je nach Anfrage über verschiedene Modelle laufen. Vermutlich Amazons hauseigene Bedrock-Plattform, die mehrere große Sprachmodelle bündelt. Bestätigt ist das nicht.
Im Alltag bedeutet das: Alexa+ kann jetzt Restaurant-Reservierungen über OpenTable abschließen, Musik-Vorschläge aus Spotify oder Apple Music passend zur Tageslaune ziehen, Ring-Aufnahmen analysieren („War heute Mittag jemand an der Tür?“) und Bilder oder Dokumente, die per App hochgeladen werden, auswerten. Smart-Home-Steuerung läuft tiefer als bisher: Wer „erstelle eine Routine, dass abends nach 22 Uhr das Wohnzimmerlicht auf 30 Prozent dimmt“ sagt, bekommt eine fertige Routine, ohne in die Alexa-App wechseln zu müssen.
22,99 Euro im Monat oder Prime: die Preis-Logik
Während Early Access ist Alexa+ kostenlos. Wann diese Phase endet, hat Amazon nicht festgelegt. Danach gilt: 22,99 Euro pro Monat, oder im Prime-Abo enthalten. Prime kostet in Deutschland 8,99 Euro im Monat oder 89,90 Euro im Jahr.
Die Mathematik ist eindeutig. Wer Alexa+ ernsthaft nutzt und kein Prime hat, zahlt 275,88 Euro im Jahr. Wer Prime im Jahres-Abo dazunimmt, kommt auf 89,90 Euro für beides zusammen. Amazon zwingt damit jeden Power-User in Prime hinein. Das ist keine versteckte Strategie, das ist die Strategie.
Kompatible Hardware ist auf vier Echo-Generationen beschränkt: Echo Show 8, Echo Show 11, Echo Dot Max und Echo Studio (zweite Generation). Alle vier wurden 2025 oder 2026 vorgestellt. Wer noch einen Echo Dot der ersten Generation, einen Echo Plus, einen Echo Show der ersten Generation, einen Echo Spot oder einen Echo der ersten beiden Generationen im Regal stehen hat, schaut zu. Die alten Geräte werden nicht aufgerüstet.
Bestandskunden mit kompatiblen Echos können sich unter amazon.de/neuealexa für eine Einladung anmelden. Amazon schaltet die Funktion in Wellen frei. Wer einen der neuen Echos kauft, kommt direkt in den Early Access.
Smart-Home-Routinen per Sprache: das ist neu
Das Feature, das Alexa+ aus der Reihe der besseren Bluetooth-Lautsprecher heraushebt, sind die Routinen. Bisher mussten Routinen in der Alexa-App per Klick zusammengesetzt werden: Trigger auswählen, Aktionen wählen, Bedingungen, Zeitfenster, speichern. Jeder, der einmal eine ernstgemeinte Smart-Home-Routine in der Alexa-App gebaut hat, weiß, dass das einer der schmerzhafteren Wege ist.
Mit Alexa+ reicht der Satz. „Alexa, mach jeden Werktag um 7 Uhr das Schlafzimmerlicht für 15 Minuten an, dann den Kaffeevollautomaten, und um 7:30 Uhr soll Deutschlandfunk laufen.“ Das System legt die Routine an, fragt bei Lücken nach, lässt sich nachträglich anpassen. Auf Geräten, die in der Smart-Home-Skill registriert sind, funktioniert das markenübergreifend. Amazon nennt unter den Partnern Philips Hue, Ring, Bosch, Siemens, ARD, BILD, Der Spiegel und über tausend regionale Radiosender.
Wenn das auch nur halb so gut funktioniert wie in der Demo, ist es das relevanteste Smart-Home-Feature seit dem Matter-Standard. Die Routinen-Logik ist der Punkt, an dem Sprachassistenten bisher gescheitert sind: Einzelbefehle gingen, Verkettungen nicht. BMW will Alexa+ in den iX3 integrieren, der Rollout läuft per Software-Update aus der Ferne (OTA, also Over-the-Air, ohne Werkstattbesuch). Datum dafür hat Amazon nicht genannt.
Wo Alexa+ heute nicht hinkommt
Die Liste der Lücken ist nicht klein. Drittanbieter-Lautsprecher mit „Alexa Built-in“ (etwa Sonos Era oder ältere Echo-Boxen anderer Marken) bekommen Alexa+ zunächst nicht. Wer also seine smarte Sprachsteuerung über einen Sonos-Speaker laufen lässt, bleibt erstmal bei der alten Alexa.
Beim Datenschutz wird es interessanter. Genau hier bin ich vor Jahren ausgestiegen, und genau hier ist Alexa+ am wenigsten transparent. Amazon verweist auf das Alexa-Datenschutzportal, über das sich Sprachaufnahmen und Aktivitäten löschen lassen. Was der Konzern aber explizit erwähnt: Bilder und Dokumente, die zur Analyse hochgeladen werden, bleiben „bis auf Widerruf“ in Amazons Systemen. Das Datenschutzportal werde überarbeitet, heißt es. Wo die Daten verarbeitet werden und ob das Hosting in der EU liegt, sagt Amazon nicht. Für eine Plattform, die Ring-Kameraaufnahmen analysiert und Dokumente liest, ist das eine Lücke, die in Deutschland anders wiegt als in Seattle.
Auch das KI-Modell selbst bleibt eine Black Box. Amazon nennt keinen Anbieter, keinen Modellnamen, keine Versionsnummer. Wer wissen will, ob im Hintergrund ein Anthropic-Modell, ein Mistral-Modell oder ein Amazon-eigenes Nova-Modell antwortet, bekommt keine Antwort. In den USA ist bekannt, dass Alexa+ mehrere Modelle parallel nutzt. In Deutschland steht das in keiner offiziellen Mitteilung.
Was Apple dazu sagen müsste
Für Prime-Mitglieder mit kompatiblem Echo ist Alexa+ ab heute ein Pflichtversuch. Anmelden, in den Early Access kommen, eine Woche ausprobieren. Wer keine smarte Hardware-Basis hat, sollte nicht wegen Alexa+ in das Echo-Ökosystem einsteigen, sondern wegen der Echos selbst, falls die zur eigenen Smart-Home-Konfiguration passen.
Die spannendste Frage steht woanders. Amazon liefert mit Alexa+ genau das, was Apple seit der WWDC 2024 mit dem versprochenen Siri-Upgrade ankündigt: kontextverstehende Sprachsteuerung, die Aufgaben über Apps hinweg ausführt. Apples Smart-Home-Hub, ursprünglich für das Frühjahr 2026 geplant, ist auf September verschoben, weil das neue Siri immer noch nicht fertig ist. Amazon hat Anfang 2026 in den USA gestartet, jetzt in Deutschland. Wer im Mai 2026 ehrlich Bilanz zieht, muss anerkennen: Die KI-Sprachassistenz, die seit zwei Jahren versprochen wird, kommt nicht aus Cupertino. Sie kommt aus Seattle. Und sie kostet 22,99 Euro.
Ob ich das Mikro wieder aktiviere? Wahrscheinlich nicht. Meine Tochter wartet seit Monaten darauf. Wenn die Witze besser werden, könnte ich es mir noch einmal überlegen.





