Am 12. Juni war Claude Fable 5 für mich weg, per Anordnung des US-Handelsministeriums, und ich habe hier ausführlich beschrieben, wie absurd sich das anfühlt, wenn ein Werkzeug, mit dem man täglich arbeitet, über Nacht per Federstrich verschwindet. Jetzt zieht die EU aus genau diesem Fall eine Konsequenz: ein Maßnahmenpaket gegen die Abhängigkeit von US-Tech. Ob das reicht, ist eine andere Frage.
- Die EU-Kommission hat im Juni das Tech Sovereignty Package vorgelegt: Chips Act 2.0, ein Cloud- und KI-Gesetz mit Souveränitäts-Stufen, eine Open-Source-Strategie und eine Energie-Strategie für KI-Rechenzentren.
- Auslöser ist die Erkenntnis, dass die US-Regierung 2026 sowohl Anthropics Fable 5 und Mythos 5 als auch OpenAIs GPT-5.6 per Exportkontrolle blockieren konnte.
- Bei der KI-Rechenleistung liegt die EU 2025 bei 1,4 Gigawatt, die USA bei 17,3 Gigawatt, ein Faktor von mehr als zwölf.
- Kritiker sehen die Gefahr, dass die EU wieder nur reguliert statt eigene konkurrenzfähige Anbieter aufzubauen. Frühere Souveränitäts-Initiativen sind bereits gescheitert.
Der Kill Switch war diesmal kein Einzelfall
Was die Sache größer macht, als ich zunächst dachte: Nicht nur Anthropics Fable 5 und Mythos 5 waren betroffen, sondern im selben Zeitraum auch OpenAIs GPT-5.6. Zwei der drei großen US-Anbieter mussten ihre Spitzenmodelle 2026 durch eine Genehmigung in Washington schleusen. Markus Beckedahl vom Zentrum für Digitalrechte und Demokratie bringt es in einer Analyse bei ComputerBase auf den Punkt: Der Kill Switch ist kein hypothetisches Szenario mehr.
Das Besondere ist der Mechanismus: Es waren keine Kartellverfahren oder Handelszölle, sondern Exportkontroll-Regeln, wie man sie sonst von Rüstungsgütern kennt. Dieselbe Logik ließe sich auf Microsoft 365 anwenden, oder auf jede andere Cloud-Software, auf die europäische Unternehmen täglich angewiesen sind.
Das Tech Sovereignty Package hat vier Teile
Die EU-Kommission hat im Juni einen Maßnahmenkatalog vorgelegt, der konkreter ist, als ich erwartet hatte. Vier Bausteine, zwei Gesetzesvorlagen und zwei Strategien:
Chips Act 2.0 baut auf dem bestehenden Gesetz auf und soll den Aufbau von Chipfabriken in der EU weiter fördern. Der Cloud and AI Development Act (CADA) soll die Kapazität europäischer Rechenzentren in den nächsten fünf bis sieben Jahren verdreifachen. Die Open-Source-Strategie will quelloffene Systeme zur bevorzugten Wahl in Cloud, KI, Netztechnik und Cybersicherheit machen. Die Energie-Strategie soll den steigenden Strombedarf von KI-Rechenzentren nachhaltiger auffangen.
CADA bewertet Cloud- und KI-Dienste auf vier Souveränitäts-Stufen: Stufe 1 verlangt Datenverarbeitung in der EU, Stufe 2 Unabhängigkeit von Drittstaaten, Stufe 3 EU-Eigentum, Stufe 4 volle Kontrolle über die Software-Lieferkette. Öffentliche Auftraggeber können je nach Kritikalität eine bestimmte Stufe einfordern, und die oberen Stufen lassen sich faktisch nur mit Open Source erreichen.
Genau darin liegt der eigentliche Hebel: Wenn Behörden für sensible Bereiche automatisch Stufe 3 oder 4 verlangen, wird Open Source dort de facto zur Pflicht, ohne dass ein Gesetz das Wort explizit vorschreibt.
Der Rückstand lässt sich in Gigawatt messen
Wie groß die Lücke tatsächlich ist, zeigt eine Zahl, die selten in den Schlagzeilen auftaucht: 2025 kamen die USA auf 17,3 Gigawatt KI-Rechenleistung, die EU auf 1,4 Gigawatt. Mehr als das Zwölffache. Dazu dominieren drei US-Konzerne mit rund 70 Prozent Marktanteil das europäische Cloud-Geschäft. Die EU ist in diesem Markt bislang im Wesentlichen Kundin, nicht Anbieterin.
Die Sicherheitsseite macht die Dringlichkeit greifbar: Eine Analyse von Epoch AI zeigt, dass die Zahl entdeckter kritischer Sicherheitslücken bei großen Cloud-Anbietern seit der Vorstellung von Claude Mythos Preview im April um den Faktor 3,5 gestiegen ist, was sich mit dem deckt, was wir zuletzt bei KI-Coding-Tools als neuer Angriffsfläche beschrieben haben. Wer keinen Zugang zu Modellen dieser Leistungsklasse hat, kann seine eigene Infrastruktur auch schlechter absichern.
Auch der chinesische Ausweg ist keiner mehr
Ein Argument, das in europäischen Kreisen bislang kursierte: Im Zweifel gibt es ja chinesische Open-Source-Modelle als Alternative, etwa Zhipu AIs GLM-5.2, das in Benchmarks fast an Claude Mythos herankommt. Der Haken dabei: China erwägt derzeit selbst, den Zugang zu seinen eigenen Top-Modellen zu beschränken. Verlässlichkeit ist 2026 offenbar keine geografische Frage mehr, egal in welche Richtung man ausweicht.
Whitepaper gab es schon oft, gehalten hat selten eins
Ob der europäische Regulierungsansatz noch trägt, wird zunehmend infrage gestellt. Der wirtschaftsliberale Economist analysierte im April, die EU habe sich durch genau diese Strategie selbst zum amerikanischen Vasallen gemacht: Statt eigene Unternehmen aufzubauen, die weltweit Standards setzen, war Europa vor allem damit beschäftigt, amerikanische Konzerne einzuhegen. Und Tech-Souveränitäts-Pakete gab es in den vergangenen zehn Jahren bereits mehrere, ohne dass sich am Grundproblem viel änderte.
Eine konkrete Warnung kommt von Kuka, einem der führenden deutschen Robotik-Hersteller aus Augsburg. Deutschland-Chef Christoph Schell erklärte im Juni, Deutschlands Zukunft in Robotik und KI entscheide sich im kommenden Jahr, danach schließe sich das Fenster. Bemerkenswert daran: Kuka selbst gehört seit 2016 mehrheitlich dem chinesischen Midea-Konzern. Selbst die Unternehmen, die vor der Abhängigkeit warnen, stehen längst nicht mehr eindeutig auf einer Seite.
Was mir aus eigener Erfahrung fehlt
Ich schreibe diesen Text mit einem US-Modell, auf einer Plattform eines US-Anbieters, und daran ändert das Tech Sovereignty Package heute nichts. Es hilft mir bei der Recherche und bügelt die gröbsten stilistischen Fehler aus, die ich als Neandertaler mit Tastatur nun mal produziere, und genau das ist die Abhängigkeit, um die es hier geht. Fünf bis sieben Jahre für die dreifache Rechenkapazität, das ist kein Zeitraum, der mir bei der nächsten Sperre hilft. Was mich trotzdem vorsichtig hoffen lässt, ist der CADA-Mechanismus mit seinen vier Stufen: Er zwingt zumindest die öffentliche Hand, sich für kritische Anwendungen aktiv gegen Abhängigkeit zu entscheiden, statt es bei einer Absichtserklärung zu belassen. Ob daraus mehr wird als das nächste Whitepaper in der Schublade, weiß in einem Jahr jeder, der dann selbst wieder auf eine gesperrte Modellauswahl schaut.
Fragen zur EU-KI-Souveränität
Was ist das Tech Sovereignty Package der EU?
Ein im Juni 2026 vorgelegter Maßnahmenkatalog der EU-Kommission mit vier Teilen: Chips Act 2.0, Cloud and AI Development Act (CADA), eine Open-Source-Strategie und eine Energie-Strategie für KI-Rechenzentren.
Was sind die Souveränitäts-Stufen im CADA?
Vier Stufen: Stufe 1 verlangt Datenverarbeitung in der EU, Stufe 2 Unabhängigkeit von Drittstaaten und transparente Software-Lieferketten, Stufe 3 EU-Eigentum der Dienste, Stufe 4 volle Kontrolle über die gesamte Software-Lieferkette. Öffentliche Auftraggeber können je nach Kritikalität eine Stufe einfordern.
Wie groß ist der Rückstand der EU bei KI-Rechenleistung?
2025 kamen die USA auf 17,3 Gigawatt KI-Rechenleistung, die EU auf 1,4 Gigawatt, ein Faktor von mehr als zwölf. Zusätzlich dominieren drei US-Konzerne mit rund 70 Prozent Marktanteil das europäische Cloud-Geschäft.
Waren wirklich sowohl Anthropic als auch OpenAI von der US-Exportkontrolle betroffen?
Ja. Sowohl Anthropics Fable 5 und Mythos 5 als auch OpenAIs GPT-5.6 wurden 2026 zeitweise durch US-Exportkontroll-Regeln blockiert, bevor der Zugang wieder freigegeben wurde.






