Gestern habe ich hier halb im Scherz erzählt, dass ich den Sonnet-5-Artikel mit Sonnet 5 schreibe. Heute steht Claude Fable 5 wieder in meinem Modell-Picker, 18 Tage nachdem ein Brief aus Washington es weltweit abgeschaltet hat. Fable 5 ist zurück, die Exportsperre ist aufgehoben, und ja: Diesen Text tippt das frisch entsperrte Modell. Langsam wird das hier eine Serie, in der die Hauptfigur ständig wechselt.
- Das US-Handelsministerium hat die Exportkontrolle für Fable 5 und Mythos 5 am 30. Juni aufgehoben.
- Fable 5 ist seit dem 1. Juli weltweit zurück: Claude-Apps, Claude Code, Claude Platform und Cowork.
- Bis zum 7. Juli ist Fable 5 auf 50 Prozent der Wochenlimits gedrosselt, danach läuft es über Usage Credits.
- Ein neuer Sicherheits-Klassifizierer blockt die gemeldete Umgehungstechnik in über 99 Prozent der Fälle.
- Verhandelt hat für Anthropic nicht CEO Dario Amodei, sondern Mitgründer Tom Brown.
Washington gibt den Stecker zurück
Zur Erinnerung, falls du die Geschichte nicht verfolgt hast: Am 12. Juni hatte das US-Handelsministerium Anthropic per Exportkontrolle angewiesen, Fable 5 und Mythos 5 für alle Nicht-US-Bürger zu sperren. Weil sich beim Login niemandem die Nationalität ansehen lässt, schaltete Anthropic beide Modelle komplett ab, drei Tage nach dem Release. Am 30. Juni kam die Kehrtwende: Die Exportkontrollen sind aufgehoben, schreibt Anthropic in seinem Statement zur Wiederherstellung. Handelsminister Howard Lutnick bestätigte auf X, man habe in den vergangenen zwei Wochen eng mit Anthropic zusammengearbeitet, um Fable 5 zu analysieren und freizugeben.
Fable 5 ist zurück, Mythos nur halb
Seit gestern, dem 1. Juli, ist Fable 5 weltweit wieder verfügbar: in den Claude-Apps, in Claude Code, auf der Claude Platform und in Cowork. Für Pro-, Max-, Team- und ausgewählte Enterprise-Pläne gilt bis zum 7. Juli eine Drossel auf 50 Prozent der wöchentlichen Nutzungslimits, danach läuft Fable 5 über Usage Credits. Der Zugang über AWS, Google Cloud und Microsoft Foundry soll so schnell wie möglich folgen.
Mythos 5 bleibt der Sonderfall. Das Modell ohne die dicken Schutzschichten ist seit dem 26. Juni wieder für eine Gruppe von US-Organisationen freigegeben, die Ausweitung auf internationale Partner im Glasswing-Programm verhandelt Anthropic noch mit der Regierung. Für uns in Deutschland heißt das: Fable ja, Mythos weiterhin nein. Wobei Mythos ohnehin nie für normale Nutzer gedacht war.
Der Jailbreak, den sogar Haiku kann
Der interessanteste Teil des Anthropic-Statements ist die Aufarbeitung des Auslösers. Amazon-Forscher hatten einen Weg gefunden, die Schutzmechanismen von Fable 5 zu umgehen und das Modell Software-Schwachstellen identifizieren zu lassen, in einem Fall inklusive Demonstrations-Code für einen Exploit (ein Programm, das eine Sicherheitslücke praktisch ausnutzbar macht). Anthropic hat den Fall nachgestellt und dabei etwas festgestellt, das die ganze Sperre nachträglich ziemlich absurd wirken lässt: Dieselben Schwachstellen fanden auch deutlich schwächere Modelle wie Opus 4.8, GPT-5.5 und Kimi K2.7. Und die Exploit-Demonstration konnte laut Anthropic jedes einzelne getestete Modell reproduzieren, ausdrücklich auch das kleine Haiku 4.5. Die Fähigkeit, wegen der Fable 5 weltweit abgeschaltet wurde, steckt also in praktisch jedem aktuellen Sprachmodell.
Trotzdem hat Anthropic nachgebessert. Ein neuer Sicherheits-Klassifizierer (ein kleineres KI-System, das Anfragen und Antworten live auf gefährliche Inhalte prüft) blockt die gemeldete Technik jetzt in über 99 Prozent der Fälle. Die Lösung für geblockte Anfragen ist dabei fast schon komisch: Sie werden nicht abgelehnt, sondern einfach an Opus 4.8 weitergereicht, das dann antwortet. Anthropic räumt auch offen ein, dass der schärfere Filter öfter mal harmlose Coding- und Debugging-Anfragen erwischen wird. Falls dir Fable 5 beim Programmieren also demnächst grundlos die Arbeit verweigert, weißt du jetzt, wem du das zu verdanken hast.
Verhandelt hat nicht mehr der Chef
Ein Detail aus der CNBC-Berichterstattung verdient einen eigenen Absatz: Die Verhandlungen mit der Regierung führte nicht CEO Dario Amodei, sondern Mitgründer Tom Brown. Amodei gilt in der Trump-Administration als rotes Tuch, wegen seiner lautstarken Positionen zur KI-Sicherheit und seiner Unterstützung für Kamala Harris im Wahlkampf 2024. Lutnicks Freigabe-Brief war folgerichtig an Brown adressiert, nicht an den Chef. Dass ein Unternehmen seinen CEO aus den Gesprächen mit der eigenen Regierung abziehen muss, damit die Gespräche funktionieren, sagt einiges über das Klima.
Der Druck kam am Ende von allen Seiten. Tech-Investoren kritisierten öffentlich, die Sperre schenke den chinesischen Open-Source-Modellen wertvolle Zeit, die ohnehin gerade zu den US-Modellen aufschließen. Und die Konkurrenz hat aus der Episode gelernt: OpenAI hat seine neuen Modelle rund um GPT-5.6 vergangene Woche vorsorglich nur für einen kleinen Kreis vertrauenswürdiger Partner freigegeben und die Pläne vorab mit der Regierung geteilt, verbunden mit dem unüberhörbaren Hinweis, dass man diesen Zustand nicht zur Dauerlösung machen möchte. Die im Mai gekippte KI-Aufsichts-Verordnung lässt grüßen: Das geordnete Verfahren wollte niemand, jetzt gibt es stattdessen Einzelfall-Diplomatie per Brief.
Der Schalter bleibt in Washington
Vor zweieinhalb Wochen habe ich geschrieben, dass der Schalter für Fable 5 nicht in San Francisco sitzt, sondern im Handelsministerium. Daran hat sich durch die Aufhebung nichts geändert, im Gegenteil: Anthropic kündigt eine engere Zusammenarbeit mit der US-Regierung an, mit Tests vor Veröffentlichungen und mehr Informationsaustausch. Zusammen mit Amazon, Microsoft und Google arbeitet man außerdem an einem Branchen-Standard, um die Schwere von Jailbreaks einheitlich zu bewerten. Das ist vernünftig, und es ist zugleich das Eingeständnis, dass solche Abschaltungen wieder passieren können. Für dich als Nutzer bleibt die Lehre dieselbe wie im Juni: Wer seinen Workflow an ein einziges Modell hängt, sollte einen Plan B kennen. Ich für meinen Teil schreibe morgen wahrscheinlich schon wieder mit irgendwas anderem.
Kurz beantwortet: Fable 5 nach der Sperre
Ab wann ist Claude Fable 5 wieder verfügbar?
Seit dem 1. Juli 2026, weltweit und für alle Nutzergruppen: in den Claude-Apps, in Claude Code, auf der Claude Platform und in Cowork. Der Zugang über AWS, Google Cloud und Microsoft Foundry soll schnellstmöglich folgen.
Gibt es Einschränkungen bei der Nutzung von Fable 5?
Ja, vorerst. Für Pro-, Max-, Team- und ausgewählte Enterprise-Pläne ist Fable 5 bis zum 7. Juli 2026 auf 50 Prozent der wöchentlichen Nutzungslimits gedrosselt. Danach läuft die Nutzung über Usage Credits.
Ist Claude Mythos 5 auch wieder freigegeben?
Nur teilweise. Seit dem 26. Juni haben wieder einige US-Organisationen Zugang. Die Ausweitung auf weitere nationale und internationale Partner im Glasswing-Programm verhandelt Anthropic noch mit der US-Regierung.
Was hat Anthropic am Modell geändert?
Ein neuer Sicherheits-Klassifizierer blockt die von Amazon-Forschern gemeldete Umgehungstechnik in über 99 Prozent der Fälle. Geblockte Anfragen werden automatisch von Opus 4.8 beantwortet. Nebenwirkung: Der Filter erwischt öfter auch harmlose Coding-Anfragen.





