Donnerstagnachmittag, 21. Mai 2026. Im Weißen Haus liegt eine 7-seitige Executive Order zur Unterschrift bereit. Vertreter aus dem KI-Sektor sind unterwegs nach Washington, die Signing-Zeremonie ist angesetzt. Eine Stunde vorher ruft David Sacks an, früherer AI- und Crypto-Czar im Trump-Team, und überzeugt den Präsidenten, den Stift nicht zu setzen. Die Trump KI-Verordnung „Promoting Advanced Artificial Intelligence Innovation and Security“ ist seitdem auf Eis. Was als US-Antwort auf den europäischen AI Act gedacht war, ist nach drei Tech-Anrufen nicht einmal vom Schreibtisch des Präsidenten gekommen.
Was im Draft stand: 90 Tage Pre-Review, NSA-Audit, Treasury-Clearinghouse
Politico hat den 7-seitigen Draft veröffentlicht, nachdem die Unterzeichnung geplatzt war. Der Inhalt war für US-Verhältnisse moderat: ein freiwilliges Framework, das KI-Hersteller einladen sollte, ihre fortgeschrittenen Modelle bis zu 90 Tage vor dem Public Release bei Bundesbehörden zur Sicherheitsprüfung einzureichen. Keine Pflicht. Kein Veto-Recht der Behörden. Nur ein strukturierter Vorab-Einblick.
Drei Säulen waren vorgesehen. Die National Security Agency hätte klassifizierte Evaluationen von Frontier-Modellen durchgeführt. Gemeint sind die Top-Tier-Versionen, die OpenAI und Anthropic regelmäßig als ihre stärksten Modelle vermarkten. Genau in diese Kategorie fällt etwa Anthropics Claude Mythos, der nach eigenen Angaben tausende Zero-Day-Schwachstellen in Betriebssystemen und Browsern entdeckt hat. Das US-Finanzministerium hätte ein Info-Sharing-Agreement zwischen KI-Firmen und den Cybersicherheits-Verantwortlichen kritischer Infrastruktur aufgebaut. Plus ein neuer „AI Cybersecurity Clearinghouse“, der Schwachstellen-Meldungen sammelt und strafrechtliche Schwerpunkte für KI-assistierte Cyberkriminalität setzt.
Eine Tech-Industrie-Quelle gegenüber Axios fasste die zentrale Kritik so zusammen: „Es ist nicht klar, rein objektiv, warum Treasury hier eine führende Rolle bekommt und welche substanzielle Expertise sie in diesem Bereich haben.“ Das Argument ist nicht unredlich. Das Finanzministerium kümmert sich klassisch um Banking-Aufsicht und Sanktionen. Cybersicherheits-Expertise sitzt traditionell bei CISA und NSA. Treasury als Drehscheibe für KI-Schwachstellen war im Draft eine ungewöhnliche Wahl, und sie wurde im Lobbying gegen die Verordnung zu einem zentralen Hebel.
Drei Anrufe, ein Stift bleibt unten
Den entscheidenden Anruf machte David Sacks am Donnerstag persönlich. Sacks ist Venture-Capital-Investor, war von Anfang 2025 bis Ende März 2026 offizieller AI- und Crypto-Czar der Trump-Regierung und ist seitdem Berater im engsten Kreis. Insider mit Telefonleitung. Sein Argument: KI-Firmen kooperieren bereits ausreichend mit der US-Regierung, eine zusätzliche Verordnung schade nur dem amerikanischen Innovationsvorsprung gegenüber China. Trump hat zugehört.
Elon Musk (xAI) und Mark Zuckerberg (Meta) waren laut Axios und Fortune im Hintergrund aktiv und haben Sacks unterstützt. Bemerkenswert ist, was nicht passiert ist: Sam Altman (OpenAI) und Dario Amodei (Anthropic) waren zur Signing-Zeremonie eingeladen, sagten aber ab und schickten nur Vertreter. Das ist die diplomatische Variante von „wir sind dafür, dass die Verordnung kommt, aber wir wollen nicht in der Lobby-Foto-Galerie auftauchen“. OpenAI und Anthropic haben in den letzten Monaten öffentlich für mehr KI-Sicherheits-Regulierung argumentiert, gerade Amodei mit seinen wiederholten Aufrufen zur Pre-Deployment-Aufsicht.
Trumps Begründung gegenüber Axios war direkt: „I think it gets in the way of, you know, we’re leading China, we’re leading everybody, and I didn’t want to do anything to get in the way of that lead.“ Die MAGA-Basis ist beim Thema KI gespalten. Umfragen zeigen, dass viele Trump-Wähler eigentlich für stärkere KI-Regulierung sind, vor allem beim Thema Arbeitsplatz-Verdrängung. Bei dieser Entscheidung haben sich die Tech-Billionäre durchgesetzt, nicht die Basis. Cyberscoop und Gizmodo haben den vollständigen Draft analysiert.
Was Brüssel daraus ablesen wird
Während die Trump KI-Verordnung scheitert und Washington damit eine freiwillige Vorab-Prüfung kippt, läuft in Brüssel das Gegenteil. Der EU AI Act ist seit Frühjahr 2026 schrittweise in Kraft, und ab August 2026 werden Pflicht-Audits für High-Risk-AI-Systeme zur Verkaufsvoraussetzung in der EU. Was in den USA „voluntary“ war und nicht einmal das geschafft hat, ist in der EU rechtlich verbindlich. Für US-KI-Hersteller heißt das: Wer Modelle europaweit verkaufen will, kommt um die EU-Aufsicht nicht herum, egal wie viele Sacks-Anrufe in Washington landen.
Für Endnutzer in Deutschland ist das eine konkrete Information. Ich habe gestern in der VPN-Doppel-Geschichte geschrieben, dass Anonymität ein Vertrauens-Modell ist, kein Schalter. Bei KI-Tools gilt dieselbe Logik. Wer Claude oder ChatGPT produktiv nutzt, hat diese Woche zwei Informationen bekommen, die zusammengehören: Erstens, dass die staatliche Aufsicht in den USA bewusst minimal bleibt. Zweitens, dass die EU-Aufsicht in den kommenden Monaten die einzige formal verbindliche Prüfinstanz wird, der diese Modelle ausgesetzt sind.
Das ist keine Panik-Botschaft. Es ist eine Beobachtung über die Architektur des Vertrauens. Wer ein KI-Modell für sensible Aufgaben einsetzt, etwa Code-Review oder Kunden-Kommunikation, sollte wissen, wessen Aufsicht im Hintergrund läuft. Mit der gescheiterten Trump KI-Verordnung vom Donnerstag ist die US-Antwort darauf für absehbare Zeit: praktisch keine. Was bleibt, ist die Selbst-Disclosure-Kultur der Hersteller. Anthropic veröffentlicht detaillierte Safety Cards, OpenAI seine System Cards. xAI hält sich da deutlich knapper. Diese freiwilligen Dokumente werden ab jetzt das einzige sein, was zwischen einem techboys-Leser und einem unaudierten Frontier-Modell steht. Es ist nicht nichts. Aber es ist auch deutlich weniger als das, was am Donnerstag fast auf dem Schreibtisch des Präsidenten lag.





