Matter 1.5 war im November 2025 die Welle, die das Smart Home neu sortieren sollte: Kameras, Rollläden, Bodensensoren und sogar bidirektionales Laden für E-Autos. Ich hab die Pressemitteilung damals mit Optimismus gelesen. Sechs Monate später ist die Bilanz gemischt. Bei Kameras und Closures hat sich was getan, der Rest hängt fest. Und Apple Home unterstützt davon bisher fast nichts.
Kameras sind angekommen, Apple hat den Schalter noch nicht gefunden
Die Aqara Camera Hub G350 ist die erste Kamera am Markt, die nach Matter 1.5 zertifiziert wurde. Marktstart in Deutschland war im März 2026, UVP 139,99 Euro auf Amazon, bei Geizhals inzwischen ab 113,81 Euro gelistet. Aqara hat parallel die Doorbell Camera G400 rausgebracht, eine kabelgebundene Matter-Türklingel. Dazu kommt die Ulticam IQ V2 vom Hersteller Xthings für rund 199 US-Dollar, mit 4K-UHD, PoE (Power over Ethernet, Strom über das Netzwerkkabel), ONVIF-Anbindung an lokale NVR-Systeme und Gemini AI für die Personen- und Objekterkennung.

Beide Modelle laufen in Samsung SmartThings sauber als Matter-Kameras. In Apple Home tauchen sie als Matter-Kameras nicht auf. Apple hat im Mai 2026 die iOS-26.5-Welle ausgespielt, mit ein paar Kleinigkeiten für die Home-App, aber ohne Matter-Kamera-Support. Der wird vermutlich mit iOS 27 kommen, das im Juni auf der WWDC vorgestellt wird. Bis dahin ist die Situation paradox: Wer eine Aqara G350 in Apple Home haben will, kann das via Aqaras eigenes HomeKit-Plugin tun. Über Matter geht es nicht. AppleInsider hat das im März so kommentiert, dass die erste Matter-Kamera angekommen sei, Apple-Nutzer aber nichts davon merken werden.
Die Matter-1.5.1-Spezifikation vom 31. März hat die ärgsten Lücken bei Kameras nachgebessert: Multi-Stream-Support und sauberere PTZ-Steuerung (Pan-Tilt-Zoom, also Schwenken und Zoomen aus der Ferne), dazu Stabilität für Türklingeln und mehr Flexibilität bei den Klingeltönen. Das sind echte Verbesserungen, aber sie zählen nur dort, wo eine Plattform sie aktiviert. SmartThings macht das. Apple Home noch nicht.
Closures: Warema liefert, der Rest schickt Pressemitteilungen
Bei den Closures, also Rollläden und Garagentoren, hat sich überraschend Warema aus der Deckung gewagt. Der Sonnenschutz-Spezialist aus Marktheidenfeld ist nicht die Marke, die Du im Tech-Blog erwartest. Aus Bayern, klassische B2B-Welt. Genau die hat im März 2026 als einer der ersten überhaupt die Xeenos-Aktoren Matter-zertifiziert: ein Aktor UP für die Unterputz-Installation im Neubau und ein Aktor Plug als Zwischenstecker mit IP54-Schutz für die Außennachrüstung. Beide gibt es in Varianten für Rollläden und Markisen, beide messen den Motorstrom und ermitteln die Endlagen automatisch beim ersten Lauf.

Damit ist Warema einer der ersten Hersteller, der Matter-Rollläden für die breite Anwendung verkauft, ohne dafür eine Schließung der eigenen App-Welt zu verlangen. Ergänzend macht Maco Fenster- und Türsensoren, die in solche Setups einsteigen. Busch-Jaeger hat sein Free@home-System Anfang 2026 Matter-zertifiziert, aber als Schalter- und Dimmer-Familie, nicht als Rollladen-Antrieb. Wer beim Elektriker einen Busch-Jaeger-Rolladenschalter einbauen lässt, kriegt damit nicht automatisch einen Matter-Rollladen.
Für Bestandsinstallationen mit klassischen Gurtwicklern bleibt der Rademacher Gurtwickler mit Matter over Thread die einfachere Lösung. Der ist seit April 2026 im Handel und greift den Closures-Trend von Matter 1.5 vor, ohne formal Teil davon zu sein. Wer neu baut, geht zu Warema. Wer im Bestand nachrüstet, zu Rademacher. Mehr ist es noch nicht.
Smart-Garden-Versprechen: sechs Hersteller, sechs leere Hände
Hier ist der Stand eindeutig und unangenehm. Matter 1.5 hat im November 2025 die neue Gerätekategorie Bodensensor angekündigt, und sechs namhafte Hersteller haben damals zugesagt: Rachio, Grundfos, Gardena, Grimsholm, Nordic Semiconductors und PuzL Labs. Sechs Monate später ist von keinem davon ein Matter-zertifiziertes Produkt im Handel. Die CSA-Original-Mitteilung ist immer noch die einzige verlässliche Quelle dazu, was kommen soll, und matter-smarthome.de hat das in seinem Status-Review zur Jahresmitte ähnlich nüchtern eingeordnet.
Der einzige, der sich öffentlich äußert, ist Grimsholm aus Schweden mit der Aussage, es käme „bald“ etwas. Ein Datum gibt es nicht. Gardena hat zwar einen Smart Sensor im Programm, der Bodenfeuchte und Bodentemperatur misst, aber der läuft über das proprietäre Gardena-Gateway und nicht über Matter. Wer heute einen Bodensensor in seinem Matter-Setup will, kauft nichts. Punkt.
V2G ist Matter-fähig, aber die Industrie spricht ISO 15118 weiter
Bidirektionales Laden, also dass das Auto Strom ins Haus oder ins Netz zurückgibt, war im November 2025 als eines der spannendsten Matter-1.5-Versprechen verkauft worden. Die Spezifikation steht. Sechs Monate später ist kein einziger V2G-Charger Matter-zertifiziert. Der SolarEdge Bidirectional Charger und der Wallbox Quasar 2, die diesen Markt aktuell tragen, sprechen weiter das alte ISO-15118-Protokoll (der etablierte Auto-zu-Ladestation-Standard).
Das hat einen einfachen Grund. Die Auto-Industrie hat einen eigenen Standard-Kosmos mit eigenen Zertifizierungen und Gremien. Der Konsens dort ist, dass ISO 15118 das Maß ist. Matter ist hier ein Außenseiter mit gutem Marketing. Das Versprechen bei techboys-Lesern war ein anderes: dass eine Wallbox irgendwann auch in Homey oder Home Assistant über Matter auftaucht, so wie es bei kleinen Großgeräten langsam beginnt. Das funktioniert genau da, wo der Hersteller mitmacht. Bei V2G macht keiner mit.
Was Matter 1.5 heute für Dich heißt
Wer in SmartThings zuhause ist, hat heute schon was davon. Die Aqara G350 und die Ulticam IQ V2 laufen sauber als Matter-Kameras, Türen und Schlösser sind über Matter seit längerem Standard. Der Aqara-DIN-Rail-Aktor von der Light+Building 2026 passt obendrein in den Schaltschrank. Bei Rollläden lohnt sich ein Anruf beim Warema-Fachhandel, falls Du sowieso bauen lässt.
Wer Apple Home nutzt, ist gerade in der Warteschleife. Matter-Kameras kommen vermutlich mit iOS 27 im Spätsommer. Bis dahin gibt es zwei Wege: Die Aqara G350 läuft direkt in Apple Home, aber via HomeKit-Plugin, nicht via Matter. Wer Bastler ist, baut sich Homebridge 2.0 als Brücke. Funktional ist beides okay, strategisch heißt es: Du hängst gerade an Plugin-Ketten, nicht am offenen Standard. Wie unrund das werden kann, zeigt der IKEA-Matter-Test mit den Border-Router-Problemen.
Wer Google Home oder Home Assistant fährt, hat die größte Flexibilität, aber die wenigsten frischen Produkte. Hier lohnt sich Beobachten statt Kaufen, vor allem im Garten und am Auto. Wer jetzt einen Matter-Bodensensor sucht oder eine Wallbox, die per Matter mit dem Heim-Energiemanagement spricht, kauft heute Hoffnung. Matter 1.5 ist kein gescheiterter Standard, aber auch keiner, der schon angekommen ist. Halbzeit, mehr nicht.
Wer den Hintergrund nochmal sortieren will: Zigbee, Thread und Matter im Vergleich. Weitere Matter-Geräte und Updates sammeln sich in der techboys-Matter-Übersicht.





