Frag in irgendeinem Tastatur-Forum nach ABS oder PBT, und die Antwort kommt schneller als ein Rapid Trigger: PBT. Immer PBT. Dumm nur, dass das Set, das seit Monaten auf meiner Tastatur klebt und das ich ohne rot zu werden als Endgame bezeichne, aus ABS besteht. Entweder ich habe keine Ahnung – oder die Sache ist komplizierter, als das Forums-Dogma zulässt. Ich tippe auf Letzteres.
Was ABS und PBT eigentlich unterscheidet
Hinter den beiden Kürzeln stecken schlicht zwei Kunststoffsorten. ABS (Acrylnitril-Butadien-Styrol) ist das Material, aus dem auch Lego-Steine bestehen: leicht zu verarbeiten, in praktisch jeder Farbe herstellbar, günstig. PBT (Polybutylenterephthalat) ist der sprödere, härtere Verwandte. Schwieriger zu fertigen, dafür widerstandsfähiger gegen das, was Finger über Jahre so anrichten.
Wichtiger als das Material selbst ist aber oft, wie die Beschriftung auf die Taste kommt. Bei günstigen Sets wird sie einfach aufgedruckt und reibt sich irgendwann ab. Die beiden besseren Verfahren: Double-Shot = Zwei Kunststoffschichten werden ineinander gegossen, die Beschriftung ist ein eigenes Stück Plastik und kann sich nie abnutzen. Dye-Sub = Die Farbe wird per Hitze ins Material eingebrannt, ebenfalls dauerhaft, aber nur für dunkle Beschriftung auf hellen Kappen geeignet.
Und hier wird es interessant: Double-Shot funktioniert mit ABS deutlich besser als mit PBT, weil das Material beim Gießen weniger schrumpft. Die legendären GMK-Sets, für die Leute dreistellige Beträge zahlen und monatelang auf Group Buys warten? Double-Shot ABS. Das Forums-Dogma und der Premium-Markt widersprechen sich an dieser Stelle einfach mal komplett.
Der Praxis-Unterschied: Haptik, Sound, Shine
Auf dem Papier klingen die Unterschiede akademisch. An den Fingern nicht. PBT fühlt sich matt und leicht rau an, fast wie feines Schleifpapier, und genau diese Textur mögen viele beim langen Tippen. ABS ist glatter, die Finger gleiten mehr, als dass sie greifen. Was besser ist? Geschmackssache. Ich tippe auf beidem täglich und könnte nicht mal sagen, auf welchem schneller.
Beim Sound hat PBT die Nase vorn, wenn du auf tiefe, satte Töne stehst: Die dickeren Kappen klingen dumpfer und voller. ABS klackt höher und heller. Aber ehrlich: Switches, Dämpfung und Gehäuse verändern den Klang deiner Tastatur um Größenordnungen mehr als das Kappenmaterial. Wer wegen des Sounds das Material wechselt, dreht am kleinsten Regler.
Der eine Punkt, an dem ABS wirklich verliert, heißt Shine = Die glatt polierte, speckige Glanzstelle, die sich nach Monaten auf viel benutzten Tasten bildet, weil Finger die Oberfläche abtragen. PBT kennt das Problem praktisch nicht. Bei einem 30-Euro-Set ist Shine ärgerlich, bei einem 120-Euro-Set tut er weh. Es gibt allerdings einen Trick, den viele beim Keycap-Kauf übersehen: Dickwandiges, hochwertiges ABS glänzt deutlich später als das dünne Zeug auf Serien-Tastaturen.
| ABS | PBT | |
|---|---|---|
| Haptik | Glatt, Finger gleiten | Matt, leicht rau, griffig |
| Sound | Heller, „clackiger“ | Tiefer, satter |
| Shine | Nach Monaten sichtbar, bei dünnem ABS früher | Praktisch keiner |
| Farbvielfalt | Riesig, kräftige Farben, Double-Shot-Legenden | Begrenzter, oft gedeckte Töne |
| Preis | Von billig bis GMK-dreistellig | Gute Sets ab ~40 Euro |
Warum mein Endgame trotzdem ABS ist
Mein meistgenutztes Set ist das PBTfans Atomic Purple – und ja, die Ironie, dass ein Hersteller mit „PBT“ im Namen mein liebstes ABS-Set baut, ist mir bewusst. Das Set gibt es nur in ABS, und zwar aus einem einfachen Grund: Dieses leicht milchige, durchscheinende Lila, das aussieht wie ein Game Boy Advance von 1998, funktioniert nur mit transparentem Kunststoff. PBT kann das schlicht nicht.
Genau das ist der Punkt, den die „immer PBT“-Fraktion übersieht: Manchmal entscheidet nicht das Datenblatt, sondern das Design. Transparente Kappen, kräftige Farbverläufe, die ikonischen GMK-Farbschemata – das ist alles ABS-Territorium. Wer kategorisch PBT kauft, schließt einen großen Teil der schönsten Sets aus, bevor er überhaupt angefangen hat zu suchen.
Und der Shine? Kommt irgendwann, vermutlich. Bis dahin habe ich ein Set, das ich jeden Tag gerne ansehe. Ein makelloses Set, das mir egal ist, wäre der schlechtere Deal.
Die dritte Option: Keramik
Seit ich das Cerakey Full Set V2 getestet habe, ist die Materialfrage für mich sowieso keine Zweier-Entscheidung mehr. Keramik-Keycaps sind ein eigenes Erlebnis: kühl unter den Fingern, mit einem dumpf-resonanten Klang, den weder ABS noch PBT hinbekommen. Und sie sind absurd schwer. Eine reguläre Taste wiegt 4,2 Gramm, die Leertaste satte 20,2 Gramm – Standard-PBT liegt bei 1 bis 1,5 Gramm pro Kappe.
Für den Alltag sind sie nichts für jeden: Der Preis ist hoch, ein Sturz vom Schreibtisch kann das Ende bedeuten, und das Tippgefühl muss man mögen. Aber wenn dich die ewige ABS-gegen-PBT-Debatte langweilt, ist Keramik der interessanteste Ausweg, den es gerade gibt.
Fazit: Für wen ABS, für wen PBT
Du willst ein Set kaufen und zehn Jahre nicht mehr drüber nachdenken? PBT, keine Diskussion. Du hast dich in ein Design verliebt, das es nur in ABS gibt? Kauf es und lass dir von niemandem erzählen, du hättest das falsche Material gewählt – achte nur auf dickwandige Qualität statt Billig-Spritzguss. Und wenn du gar nicht weißt, wo du anfangen sollst: In meinen Keycap-Empfehlungen mit echtem ISO-DE stehen Sets aus beiden Lagern. Das Material ist am Ende ein Kriterium von vielen. Das Dogma kannst du im Forum lassen.





