Claude Memory war bisher eine halbe Sache: Der Chat merkte sich Dinge, die Agenten-Umgebung Cowork führte ihr eigenes Gedächtnis, und beide wussten nichts voneinander. Seit gestern legt Anthropic die zwei Speicher zusammen. Interessanter als die Funktion selbst finde ich, wie sie umgesetzt ist. Denn sie ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was OpenAI diese Woche abgeliefert hat.
- Anthropic führt die getrennten Gedächtnisse von Claude-Chat und Cowork zu einem gemeinsamen Speicher zusammen.
- Neue Erkenntnisse landen laufend im Memory, nicht mehr erst als Zusammenfassung am Gesprächsende.
- Der Speicher ist einsehbar, editierbar und löschbar, sensible Kategorien wie Gesundheit oder Politik bleiben ohne Opt-in außen vor.
- Aktiv ab Werk in Free-, Pro- und Max-Tarifen, auf iOS und Android nach einem App-Update.
Claude Memory wird eins, und es füllt sich live
Das nervigste Ritual im Alltag mit KI-Agenten ist das ewige Neu-Briefen. Im Chat hast du über Wochen ein Projekt durchdacht, und sobald die KI etwas erledigen soll, erzählst du ihr alles noch einmal von vorn. Genau das entfällt jetzt: Was Claude im Chat lernt, weiß es auch in Cowork, und umgekehrt. Anthropics Beispiel: Wer eine Konferenz plant, muss der Agenten-Seite nicht mehr erklären, welche Stadt und welche Redner längst feststehen.
Dazu ändert sich der Zeitpunkt des Merkens. Bisher fasste Claude ein Gespräch erst am Ende zusammen. Jetzt wandern neue Erkenntnisse laufend in den Speicher, noch während die Unterhaltung offen ist. Für den Wechsel zwischen Chat und Cowork ist das der eigentliche Hebel, weil beide Seiten immer auf demselben Stand sind, wie TechCrunch berichtet. Aktiv ist das Ganze standardmäßig in den Free-, Pro- und Max-Tarifen, auf dem Handy nach einem App-Update.
Du kannst nachlesen, was Claude über dich weiß. Und es löschen
Der Teil, der mich versöhnt: Claude Memory ist kein Blackbox-Ordner mehr. Du kannst dir anzeigen lassen, was Claude zu einem Thema behalten hat, einzelne Einträge umschreiben oder komplett löschen. Sensible Kategorien wie Gesundheitsdaten oder politische Ansichten speichert Claude in der Voreinstellung gar nicht erst. Wer das möchte, schaltet es per Opt-in frei und bekommt danach jedes Mal einen Hinweis, wenn so ein Eintrag angelegt wird.
Ein paar Dinge landen laut Anthropic nie im Gedächtnis, darunter Ausweisnummern und Angaben zu Vorstrafen oder Aufenthaltsstatus. Das ist keine Garantie gegen jede Panne. Aber es ist ein Design, das mit der Annahme arbeitet, dass der Nutzer kontrollieren will, was eine KI über ihn festhält.
Gleiche Woche, gleiches Ziel, zwei Philosophien
Man muss sich den Kontrast auf der Zunge zergehen lassen. Gestern habe ich beschrieben, wie ChatGPT Computer History in der EU startet: ein Feature, das die komplette Mac-Nutzung aufzeichnet und die Protokolle unverschlüsselt als Klartext-Dateien ins Nutzerverzeichnis legt. Beide Hersteller verfolgen dasselbe Ziel, die KI soll ihren Nutzer kennen. OpenAI löst das mit einem Totalprotokoll, das du im Dateisystem suchen musst. Anthropic mit einem Speicher, der dir im Produkt selbst gezeigt wird.
Ich arbeite seit Monaten täglich mit Claude und habe dem Werkzeug dabei zwangsläufig viel über meine Arbeit erzählt. Dass ich diesen Wissensstand jetzt einsehen und korrigieren kann, statt ihn zu vermuten, ist für mich der relevanteste Teil dieser Ankündigung. Nicht die Bequemlichkeit, die Kontrolle.
Transparenz ist trotzdem keine Sparsamkeit
Zum ehrlichen Bild gehört: Ein durchgehendes Gedächtnis heißt auch, dass ein einzelner Anbieter ein immer vollständigeres Profil deiner Projekte und Formulierungen hält, ab Werk eingeschaltet. Wer das nicht will, findet den Aus-Schalter in den Einstellungen, und der Blick in die Memory-Übersicht lohnt sich auch für alle anderen. Es bleibt dein Kopf-Doppel auf fremden Servern. Nur eben eines, das du zum ersten Mal wie ein Dokument aufschlagen kannst.





