Auf meinem Hauptrechner läuft seit Anfang August Fedora, und der Grund dafür war reine Absicht. Die niederländische Regierung hat für denselben Schritt einen deutlich handfesteren: Als Washington Anfang 2025 den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag sanktionierte, schränkte Microsoft dem Chefankläger den Zugang zu seinen Diensten ein. Daraus ist DAWO entstanden, ein eigenes Linux für Behörden, und fast zeitgleich meldet Kiel, dass die Staatskanzlei schon so gut wie komplett umgestiegen ist.
Ausprobiert habe ich DAWO natürlich nicht, es ist für Behördennetze gebaut und nicht für meinen Schreibtisch. Alles hier stammt aus den Projektseiten der beiden Regierungen und einem ausführlichen Hintergrundbericht von Tweakers.
- Die Niederlande entwickeln mit DAWO (Digitaal Autonome Werkomgeving Overheid) einen eigenen Behörden-Arbeitsplatz auf Basis von NixOS, seit Juli 2026 mit offiziellem Regierungsauftrag.
- Auslöser waren die US-Sanktionen gegen den Internationalen Strafgerichtshof im Februar 2025, nach denen Microsoft dem Chefankläger den Zugang zu Diensten einschränkte.
- Seit April testen Gemeinden wie Amsterdam, Ede, Zaanstad und Den Bosch DAWO auf älteren Laptops, die Windows 11 nicht mehr unterstützt. Version 1.0 ist für 2027 angepeilt.
- Schleswig-Holstein meldete am 19. September 2026, dass über 200 Beschäftigte der Kieler Staatskanzlei auf Linux arbeiten. Rund 20 Plätze bleiben wegen Fachverfahren vorerst bei Windows.
- Billiger wird Linux für Behörden laut den DAWO-Entwicklern nicht automatisch: Lizenzkosten entfallen, dafür kosten Personal und Betrieb. Sparen lässt sich vor allem bei der Hardware.
Ein eingeschränktes Postfach in Den Haag hat alles angestoßen
Die Vorgeschichte ist schnell erzählt. Die US-Regierung verhängte im Februar 2025 Sanktionen gegen den Strafgerichtshof, und Microsoft beschränkte daraufhin den Zugriff des damaligen Chefanklägers Karim Khan auf bestimmte Dienste, laut It’s FOSS auch auf die E-Mail. Für einen Staat, dessen Verwaltung auf Windows und Microsoft 365 läuft, war das ein ziemlich unbequemer Blick in den Spiegel.
Bei früheren Versuchen, Microsoft loszuwerden, ging es vor allem ums Geld, ordnet Tweakers ein, diesmal geht es um Kontinuität und Kontrolle. DAWO gilt dort als eine Art digitaler Notfallkoffer, der bereitsteht, wenn die gewohnten Dienste nicht mehr zuverlässig erreichbar sind. Genau diese Abhängigkeit war auch der Kern, als ich über den EU-Plan gegen den KI-Kill-Switch geschrieben habe.
DAWO ist Linux für Behörden, gebaut auf NixOS
DAWO steht für Digitaal Autonome Werkomgeving Overheid, also digital autonome Arbeitsumgebung der Regierung. Entwickelt wird es im Innenministerium, seit Juli gibt es dafür einen offiziellen Auftrag der ressortübergreifenden Kommission für den Regierungsbetrieb. Umsetzen sollen es die drei großen IT-Dienstleister des Staates, der Code liegt öffentlich auf Codeberg und einer eigenen Forgejo-Instanz der Regierung.
Als Basis dient NixOS. openSUSE und Fedora wurden geprüft und verworfen, weil hinter beiden Firmen stehen, bei Fedora über Red Hat letztlich IBM. NixOS gehört keinem Unternehmen, und den Paketmanager Nix hat Eelco Dolstra Anfang der 2000er an der Universität Utrecht entwickelt. Dass die Distribution damit gewissermaßen ein niederländisches Eigengewächs ist, war laut den Entwicklern durchaus ein Argument.
NixOS ist für mich als Fedora-Neuling eher das Fortgeschrittenen-Kapitel. Der Kern lässt sich aber auch ohne Vorwissen verstehen, und für eine Behörde mit Hunderten gleicher Rechner ist er ziemlich naheliegend:
Die Pilot-Laptops sind genau die, die Windows 11 aussortiert hat
Das ist für mich das schönste Detail im Tweakers-Bericht. In den Pilotprojekten läuft DAWO auf älteren Laptops, die für Windows 11 nicht mehr taugen. Die Regierung macht also im Großen, was ich in meiner Umstiegs-Anleitung von einem Noob für Noobs jedem mit einem ausgemusterten Windows-10-Rechner empfehle.
Getestet wird bei Gemeinden. Im April starteten laut der niederländischen Digitalisierungsstrategie vier Städte, nämlich Amsterdam, Ede, Zaanstad und Den Bosch, zusammen mit der Kollaborationssuite MijnBureau. Inzwischen spricht It’s FOSS unter Berufung auf Tweakers von acht Gemeinden, in einer davon macht sogar der Gemeinderat mit. Einen festen Termin für die breite Einführung gibt es nicht, die Version 1.0 peilen die Entwickler für 2027 an.
Kiel ist schon umgestiegen, nur mit anderen Bausteinen
Während Den Haag noch baut, meldet Schleswig-Holstein Vollzug. Am 19. September verkündete Digitalisierungsminister Dirk Schrödter auf den Kieler Open-Source-und-Linux-Tagen, dass in der Staatskanzlei über 200 Beschäftigte auf Linux arbeiten. Rund 20 Plätze bleiben vorerst bei Windows, weil einzelne Fachverfahren noch daran hängen, und als Nächstes sollen die Ministerien folgen.
Den Linux-Support übernimmt das deutsche Open-Source-Unternehmen Gonicus zusammen mit dem Landes-IT-Dienstleister Dataport. Bürosoftware und Mail hat das Land schon 2025 auf LibreOffice und Open-Xchange umgestellt. Kiel hat also nicht selbst eine Distribution gebaut, sondern bestehende Open-Source-Produkte eingekauft und Schritt für Schritt ausgetauscht.
Dazwischen liegt der Bund mit openDesk, der Office- und Kollaborationssuite des Zentrums für Digitale Souveränität. Seit dem 23. September dürfen auch private Cloud-Anbieter openDesk verkaufen, damit die Suite schneller auch bei Unternehmen ankommt. Die DAWO-Seite zieht die Grenze übrigens selbst: openDesk sei ein Softwarepaket für die Zusammenarbeit, aber anders als DAWO keine fertige Arbeitsumgebung für Endnutzer.
Billiger wird es nicht, sagen die Entwickler selbst
Der naheliegende Einwand gegen jedes Linux für Behörden ist das Geld, und die DAWO-Leute nehmen ihn überraschend selbst vorweg. Open Source mache den Umstieg nicht automatisch günstiger, sagen sie laut Tweakers. Die Lizenzkosten fallen weg, dafür kosten eigenes Personal und der Betrieb Geld, und die Community will auch etwas zurückbekommen.
Sparen lässt sich eher bei der Hardware, weil NixOS mit schwächeren Rechnern auskommt als Windows 11. Das deckt sich mit meiner eigenen, deutlich kleineren Erfahrung: Teuer war mein Umstieg nicht, gekostet hat er vor allem Zeit. Im Sommer habe ich drei Distributionen in einem Monat installiert, bevor Fedora geblieben ist. Eine Behörde mit tausenden Arbeitsplätzen kann solche Zeit nicht privat verbuchen, die steht irgendwo als Personalkosten.
Fragen zu Linux für Behörden
Was ist DAWO?
DAWO ist ein Linux-Arbeitsplatz für Behörden, den das niederländische Innenministerium auf Basis von NixOS entwickelt. Neben dem Betriebssystem sollen auch Bürosoftware und Cloud-Dienste dazugehören. Version 1.0 ist für 2027 angepeilt.
Warum setzen die Niederlande auf NixOS statt auf Fedora oder openSUSE?
Weil NixOS keinem Unternehmen gehört. openSUSE ist eng mit SUSE verbunden, Fedora wird von Red Hat und damit von IBM getragen. Dazu kommen die niederländische Herkunft von Nix und die Möglichkeit, viele gleiche Rechner aus einer Konfiguration zu bauen.
Welche deutschen Behörden arbeiten schon mit Linux?
Ein aktuelles Beispiel ist Schleswig-Holstein. In der Kieler Staatskanzlei arbeiten seit September 2026 über 200 Beschäftigte auf Linux, die übrigen Ministerien sollen folgen. Bürosoftware und Mail hat das Land schon 2025 auf LibreOffice und Open-Xchange umgestellt.
Ist Linux für Behörden billiger als Windows?
Nicht automatisch. Die DAWO-Entwickler sagen selbst, dass an die Stelle der Lizenzkosten Ausgaben für Personal und Betrieb treten. Sparen lässt sich vor allem bei der Hardware, weil ältere Rechner weiterlaufen können.
Ein Notfallkoffer ist das ehrlichere Argument als die Lizenzkosten
Ich finde den niederländischen Ansatz stärker, als ich beim ersten Lesen erwartet hätte, und zwar wegen der Begründung. Wer Linux in Behörden mit gesparten Lizenzen verkauft, verliert die Debatte beim ersten Blick auf die Personalkosten. Wer sagt, dass ein Staat seine Verwaltung nicht von der Laune einer fremden Regierung abhängig machen will, hat nach dem Fall Khan ein Beispiel, das niemand wegdiskutieren kann.
Kiel zeigt, dass der Umstieg in Deutschland auch ohne eigene Distribution geht. Den Haag zeigt, dass man mit eigenem Bauplan auch gleich die alten Laptops weiterverwenden kann. Ob DAWO 2027 reif ist, weiß heute niemand. Den Notfallkoffer packt man aber sowieso, bevor man ihn braucht.





