TUXEDO OS trennt sich von Ubuntu, und seit Samstag ist der Abschied erstmals testbar: Die erste Open Beta auf Debian-Basis steht als ISO zum Download bereit. Angekündigt hatte der Augsburger Hardware-Hersteller den Unterbau-Wechsel Anfang Juli, jetzt wird er konkret. Das ist mehr als Distro-Klein-Klein, denn hier verabschiedet sich der größte deutsche Linux-PC-Hersteller von der Basis, auf der halb Europa seine Umstiegs-Empfehlungen aufbaut.
- TUXEDO OS wechselt von Ubuntu LTS auf Debian Testing, die erste Open Beta ist seit dem 16. August als ISO verfügbar
- Gründe laut TUXEDO: Canonicals Snap-Kurs, das LTS-Korsett beim Zurückportieren aktueller Software und eine intransparente KI-Roadmap
- Continuous Debian: Das System bleibt dauerhaft auf dem Testing-Zweig, Kernel, Browser und Grafik-Stack werden weiter kontinuierlich aktualisiert
- Neu als Standard: Btrfs-Dateisystem mit automatischen Snapshots und Rollback per Snapper
- Die offene Flanke: Debian Testing garantiert offiziell keine Sicherheitsupdates, TUXEDO verspricht eigene Fixes innerhalb weniger Stunden
Warum TUXEDO Ubuntu verlässt: Snap, LTS-Korsett und eine KI-Roadmap
Die Begründung liefert TUXEDO in der eigenen Ankündigung erfreulich unverblümt. Da ist zum einen das Alters-Problem jeder LTS-Basis: Je älter die Ubuntu-Grundlage, desto mühsamer wird es, aktuelle Software wie neue Plasma-Versionen zurückzuportieren, weshalb TUXEDO-Nutzer zuletzt auf Plasma 6.5 saßen, während 6.7 längst draußen war. Zum anderen ist da Canonical selbst: Immer mehr Anwendungen gibt es nur noch als Snap-Paket, das TUXEDO in seinem System ausdrücklich nicht haben will, und die auf dem Ubuntu Summit angekündigte KI-Roadmap von Canonical-Chef Mark Shuttleworth ist dem Hersteller nach eigenen Worten zu intransparent.
Auch bei Sicherheitsupdates sei man bei Ubuntu in einzelnen Fällen blockiert gewesen, wenn Canonical Patches verzögert oder fehlerhaft paketiert habe. Man kann das als Abrechnung lesen. Oder als das, was es vermutlich ist: die Bilanz eines Herstellers, der jahrelang gegen die Entscheidungen eines anderen Unternehmens anbauen musste und darauf keine Lust mehr hat.
Continuous Debian: dauerhaft Testing, mit Btrfs als doppeltem Boden
Die neue Basis ist Debian Testing, also der Entwicklungszweig, in dem das nächste stabile Debian heranwächst. Und zwar dauerhaft: TUXEDO nennt das Modell Continuous Debian und wird auch nach dem Erscheinen von Debian 14 nicht auf den Stable-Zweig wechseln. Kernel, Browser und Grafik-Stack inklusive Nvidia-Treibern pflegt der Hersteller weiter selbst auf aktuellem Stand, das bisherige Hybrid-Modell bleibt also, nur auf flexiblerem Fundament. Im Alltag soll sich fast nichts ändern, apt bleibt apt, die Paketverwaltung ist dieselbe wie bei Ubuntu.
Die zweite Neuerung finde ich fast spannender: Btrfs mit Snapper wird Standard-Dateisystem, was das bedeutet, steht im Glossar unten. openSUSE fährt dieses Modell seit Jahren, für ein System auf einem Entwicklungszweig ist so ein eingebauter Rückwärtsgang keine Spielerei, sondern die halbe Miete. Wer die Beta installiert, hat Btrfs im Installer bereits vorausgewählt.
Die Frage, die TUXEDO OS beantworten muss: Updates ohne Sicherheitsgarantie

Jetzt zum Teil, den die meisten Nacherzählungen weglassen: Debian garantiert für Testing offiziell keinen Security-Support. Sicherheits-Advisories gibt es nur für Stable, Fixes erreichen Testing allein über die reguläre Paket-Migration aus Unstable, und die dauert zwei bis zehn Tage, bei Blockaden auch länger. Wie real das ist, zeigte die kritische sudo-Lücke im Sommer 2025: Ubuntu lieferte den Fix am Tag der Veröffentlichung, Debian-Testing-Nutzer saßen tagelang auf einer öffentlich ausnutzbaren Root-Lücke.
Das Schweizer Blog GNU/Linux.ch hat TUXEDO dazu einen Zehn-Fragen-Katalog geschickt, und die Antworten sind bemerkenswert offen. TUXEDO räumt das Problem ein und will nicht auf die Migration warten: Kritische Fixes sollen direkt aus Unstable übernommen oder als eigene Backports in die hauseigenen Repositories wandern, mit dem Ziel, Patches innerhalb weniger Stunden auszuliefern. Zugleich gesteht der Hersteller, dass ihm bei Lücken unter Embargo teils der Vorabzugang fehlt, den große Distributoren wie Canonical haben, dort soll automatisiertes Monitoring die Reaktionszeit retten.
Meine Einordnung: Die Antworten sind ehrlich, der Plan ist plausibel, und Kali Linux fährt ein ähnliches Modell seit Jahren. Aber ein Versprechen ist noch kein Track Record. Wie viel so ein Update-Versprechen wert ist, entscheidet sich immer erst im Ernstfall, das führt gerade die aktiv ausgenutzte macOS-Lücke auf der anderen Seite des Betriebssystem-Zauns vor. Beim ersten kritischen CVE nach dem Umstieg werde ich auf die Uhr schauen.
Für wen die Beta jetzt etwas ist, und wer besser wartet
Die Open Beta ist genau das, was der Name sagt, und dazu ein System auf einem Entwicklungszweig. Auf dem Zweitrechner, in der virtuellen Maschine oder auf dem Bastel-Notebook: unbedingt, dafür ist sie da. Auf dem Produktivsystem: noch nicht. Wie Bestandsnutzer später von der Ubuntu- auf die Debian-Basis umziehen, lässt TUXEDO bislang offen, für Neugeräte und die hauseigene WebFAI-Installation wird die neue Basis Standard.
TUXEDO OS auf Debian Testing ist eine Vorabversion auf einem Entwicklungszweig. Auf den Zweitrechner oder in die virtuelle Maschine damit, nicht auf die Maschine, an der morgen die Steuererklärung hängt. Und vorher ein echtes Backup ziehen, die Btrfs-Snapshots ersetzen keines.
Interessant ist der Schritt weit über die TUXEDO-Kundschaft hinaus. Mit dem Windows-10-Support-Ende suchen gerade viele Umsteiger eine Linux-Heimat, und ein deutscher Hersteller mit eigenem Support, eigener Hardware und jetzt eigenständigem System ist dafür ein seriöseres Angebot als der x-te Ubuntu-Ableger von der Community-Webseite. Dass ein Mittelständler aus Augsburg sich zutraut, was sonst nur Konzerne und große Projekte stemmen, nämlich eine eigenständige Distributions-Basis zu pflegen, ist entweder mutig oder größenwahnsinnig. Vermutlich beides ein bisschen, und genau deshalb schaue ich mir die Beta an. Open Source lebt von solchen Alleingängen, das zeigt im Smart Home ja auch Homebridge seit Jahren.
Bevor du die ISO ziehst: die üblichen Fragen
Was ist TUXEDO OS?
TUXEDO OS ist die hauseigene Linux-Distribution des Augsburger Hardware-Herstellers TUXEDO Computers mit KDE-Plasma-Desktop. Sie läuft auf den eigenen Notebooks und PCs, lässt sich aber auch auf Fremdhardware installieren und war bisher ein Ubuntu-LTS-Ableger.
Warum wechselt TUXEDO OS von Ubuntu zu Debian?
TUXEDO nennt den wachsenden Aufwand, aktuelle Software auf die alternde Ubuntu-LTS-Basis zurückzuportieren, Canonicals zunehmenden Snap-Zwang, eine intransparente KI-Roadmap und teils verzögerte Sicherheitsupdates. Debian Testing als Basis verspricht mehr Eigenständigkeit und aktuellere Pakete.
Ist Debian Testing als Basis nicht unsicher?
Debian garantiert für den Testing-Zweig offiziell keine Sicherheitsupdates, Fixes brauchen über die reguläre Migration zwei bis zehn Tage. TUXEDO will kritische Patches deshalb direkt aus Unstable übernehmen oder eigene Backports über die hauseigenen Repositories ausliefern, nach eigener Aussage innerhalb weniger Stunden. Ob das in der Praxis hält, muss der erste Ernstfall zeigen.
Kann ich die Debian-Beta von TUXEDO OS schon nutzen?
Die Open Beta steht seit dem 16. August 2026 als ISO zum Download bereit, mit Btrfs samt Snapshots als vorausgewähltem Dateisystem. Sie eignet sich für Zweitrechner und virtuelle Maschinen, für Produktivsysteme empfiehlt sich das Warten auf die finale Version. Einen Migrationsweg für Bestandsinstallationen hat TUXEDO noch nicht genannt.





