Linux unter Windows klingt erst mal wie alkoholfreies Bier auf dem Oktoberfest: technisch möglich, aber irgendwie am Thema vorbei. Trotzdem ist genau das gerade Ubuntus stärkster Wachstumskanal. Canonicals Technikchef Jon Seager erwartet, dass die Ubuntu-Installationen im Windows Subsystem for Linux die klassischen Desktop-Installationen in den kommenden Monaten überholen. Gesagt hat er das bereits im April, wieder hochgekocht ist es erst jetzt, und je länger ich darüber nachdenke, desto weniger absurd finde ich die Ansage.
- Canonicals VP of Engineering Jon Seager: Ubuntu wächst im Windows Subsystem for Linux (WSL) deutlich schneller als auf dem klassischen Desktop
- Seine Prognose aus dem Frühjahr: In den kommenden Monaten gibt es mehr Ubuntu-Nutzer unter Windows als auf nativen Installationen
- Treiber sind vor allem Entwickler mit Firmen-Windows-Laptops, die für KI- und Machine-Learning-Arbeit eine Linux-Umgebung brauchen
- Canonical stört das nicht: Das bezahlte Ubuntu Pro deckt WSL-Instanzen genauso ab wie native Installationen
- Die offene Frage: Nimmt der bequeme Mittelweg dem echten Linux-Desktop den Wind aus den Segeln?
Mehr Ubuntu auf Windows als auf Linux: die Ansage aus dem Canonical-Maschinenraum

Die Aussage stammt aus einem Interview mit dem Newsletter The Pragmatic Engineer vom April, ins Rollen gebracht hat sie jetzt ein Bericht bei It’s FOSS. Der Kern: Das Wachstum der Ubuntu-Nutzung im WSL lag binnen eines Jahres deutlich über dem Wachstum der Desktop-Zahlen, und Seager rechnet damit, dass die Windows-Fraktion die native in absehbarer Zeit überholt. Das ist keine frische Meldung, aber eine mit Gewicht, denn sie kommt nicht von einem Marktforscher, sondern vom Mann, der bei Canonical die Entwicklung verantwortet.
Wer da wächst, ist auch klar: Entwickler, deren Arbeitgeber Windows-Laptops verteilen und keine Diskussion darüber führen wollen. Sobald KI- oder Machine-Learning-Arbeit auf dem Tisch liegt, brauchen diese Leute eine Linux-Umgebung, weil dort die Werkzeuge zu Hause sind. WSL ist dann der Weg des geringsten Widerstands: ein Befehl, kein Streit mit der IT-Abteilung, kein zweiter Rechner.
Linux unter Windows ohne Fachchinesisch: die Untermieter-Logik
Falls du wie ich eher Umsteiger-Kandidat als Entwickler bist: WSL ist eine in Windows 10 und 11 eingebaute Funktion, die ein echtes Ubuntu direkt unter Windows ausführt. Kein Nachbau, kein Emulator. Wie sich das zu den anderen Wegen Richtung Linux verhält, lässt sich am besten als Wohnungsmarkt erzählen.
Warum Canonical der eigene Bedeutungsverlust egal sein kann
Man könnte erwarten, dass Canonical diese Verschiebung nervös macht. Das Gegenteil ist der Fall, und der Grund steht in der Preisliste: Ubuntu Pro, das bezahlte Sicherheits- und Support-Abo mit bis zu 15 Jahren Patch-Versorgung, deckt WSL-Instanzen genauso ab wie native Installationen. Ob Ubuntu auf blankem Blech läuft oder als Untermieter bei Microsoft, ist für die Rechnung egal, der Kunde zahlt in beiden Fällen. Microsofts WSL-Produktmanager nennt die Zusammenarbeit öffentlich eine großartige Partnerschaft, und vermutlich meinen es beide Seiten sogar ernst.
Die unbequeme Frage: Verhindert der bequeme Weg den echten Umstieg?
Genau an dieser Stelle wird es für alle interessant, die dem Linux-Desktop die Daumen drücken. Wenn WSL den Bedarf an Linux so bequem stillt, verschwindet der Druck auf IT-Abteilungen und Hardware-Hersteller, native Linux-Rechner überhaupt zu unterstützen. Und wenn der am schnellsten wachsende Weg zu Ubuntu mitten durch ein Microsoft-Betriebssystem führt, ist das ein seltsamer Sieg für ein System, das mal als Gegenentwurf angetreten ist.
Meine Sicht als jemand, der den Umstieg gerade selbst sondiert: Ich halte die Einliegerwohnung trotzdem für eine gute Nachricht. WSL ist für den Windows-Abschied das, was GeForce NOW gerade fürs Linux-Gaming ist: ein risikofreier Testballon, der die Schwelle senkt, ohne dass man irgendetwas kaputt machen kann. Wer dabei merkt, dass Linux keine Zauberei ist, traut sich den echten Umzug eher zu. Und wer volle Leistung will oder ein System komplett ohne Microsoft-Unterbau, landet ohnehin bei einer nativen Installation, zum Beispiel beim frischen TUXEDO OS aus Augsburg.
Auf Windows 10 und 11 reicht ein Rechtsklick aufs Startmenü, Terminal als Administrator öffnen und wsl –install eintippen. Nach einem Neustart richtet sich Ubuntu beim ersten Start mit Benutzername und Passwort ein. Dein Windows bleibt dabei unangetastet, und die Einliegerwohnung lässt sich jederzeit rückstandsfrei kündigen.
Die offizielle Schritt-für-Schritt-Anleitung liefert Microsoft selbst. Und damit ist auch klar, wie das Thema hier weitergeht: Der große Windows-10-Umstiegs-Ratgeber ist in Arbeit, und WSL bekommt darin ein eigenes Kapitel. Als Zwischenschritt, nicht als Ziel.
Die üblichen Fragen zur Einliegerwohnung
Was ist das Windows Subsystem for Linux (WSL)?
Eine in Windows 10 und 11 eingebaute Funktion, die ein echtes Linux, meist Ubuntu, direkt unter Windows ausführt. Bedient wird es über die Terminal-App, einzelne Linux-Programme laufen als normale Fenster auf dem Windows-Desktop.
Ist Linux unter Windows echtes Linux?
Ja. Im WSL läuft ein vollwertiges Ubuntu mit eigenem Dateisystem und eigener Paketverwaltung, kein Nachbau. Nur der Unterbau bleibt Windows, inklusive direktem Zugriff auf deine Windows-Dateien.
Reicht WSL oder brauche ich den echten Umstieg?
Für Kommandozeile, Entwicklung und KI-Werkzeuge reicht WSL oft aus. Wer volle Hardware-Leistung, Gaming ohne Umwege oder ein System ganz ohne Microsoft-Unterbau will, kommt um eine native Installation nicht herum.
Wie installiere ich Ubuntu unter Windows?
Terminal als Administrator öffnen, wsl –install eingeben und den Rechner neu starten. Beim ersten Start richtet sich Ubuntu mit Benutzername und Passwort ein. Die Funktion ist kostenlos.





