Das Dreame Elektroauto hat es bis auf zwei Messebühnen geschafft, aber wohl nie auf eine Straße. Berichten aus China zufolge wickelt der Saugroboter-Hersteller seine Autosparte gerade ab. Und je mehr Details dazu auftauchen, desto klarer wird: Beerdigt wird hier weniger ein Auto als eine Show.
- Dreames Autoprojekt Starry Sky wird laut Berichten aus China abgewickelt, von fast 1.000 Beschäftigten sollen nur Abwicklungsteams bleiben.
- Ex-Mitarbeiter behaupten, das Raketen-Showcar Nebula NEXT 01 JET hatte keinen vollständigen Antriebsstrang und rollte ferngesteuert über die Bühne.
- Dreame bestätigt offiziell nur Anpassungen bei Geschäftsbereichen in der Erprobungsphase und nennt vier Kernfelder, darunter Embodied AI.
- Der Dreame-Ableger Magic Atom zeigt parallel den 19-Kilo-Roboterhund MagicDog T1, Vorgänger arbeiten schon in einer Dreame-Fabrik.
Von fast tausend Leuten bleibt die Rechtsabteilung
Dreame kenne ich als Hersteller, der in kurzem Takt neue Produktkategorien aufmacht. Erst Smart Ringe, dann das Türschloss E10. Nebenher lief ein Elektroauto mit Raketenantrieb. Genau diese Expansion kassiert jetzt ihren ersten großen Rückschlag, und das Dreame Elektroauto war das teuerste ihrer Experimente.
Die Autosparte mit dem Projektnamen Starry Sky beschäftigte zeitweise fast 1.000 Menschen. Nach mehreren Entlassungsrunden seit Mai sollen laut Berichten, die The Verge zusammenfasst, nur noch wenige Dutzend übrig sein. Die kümmern sich um offene Rechnungen bei Zulieferern und das Auflösen der Gesellschaften. Wer so eine Besetzung übrig lässt, plant keinen Neustart.
Der Auslöser sitzt in Peking. Chinas Regierung hat die Aufsicht über private Investmentfonds verschärft und Dreame dabei namentlich markiert. Ein großer Teil der Expansion lief über solche Fonds, und dieser Geldhahn ist jetzt enger gestellt. Dreame selbst bestätigt nur vorsichtig, man habe „Geschäftsbereiche in der Erprobungsphase angepasst“ und konzentriere sich künftig auf vier Felder: Smart Home, Outdoor und Garten, Smart Mobility sowie Embodied AI, also KI, die in physischen Maschinen steckt statt nur im Chatfenster.
Das Dreame Elektroauto fuhr per Fernbedienung

Das eigentliche Fundstück steckt in den Aussagen ehemaliger Beschäftigter. Der Nebula NEXT 01 JET, im April in San Francisco präsentiert, sollte mit zwei Feststoffraketen und 100 Kilonewton Schub (umgerechnet gut zehn Tonnen Schubkraft) in 0,9 Sekunden auf 100 km/h beschleunigen. Dazu eine Feststoffbatterie mit über 450 Wh/kg Energiedichte, ein Wert, an dem die gesamte Autoindustrie seit Jahren scheitert.
Laut den Ex-Mitarbeitern hatte das Ausstellungsstück keinen vollständigen Antriebsstrang und rollte ferngesteuert über die Bühne. Das Showmodell soll sogar von einem externen Modellbauer stammen. Unabhängig bestätigt ist das nicht, und Dreame äußert sich dazu nicht. Aber es passt zu dem, was schon bei der Vorstellung auffiel: Physikalisch ergab das Datenblatt wenig Sinn, einen Termin für die Serienproduktion gab es nie.
Vaporware = Produkte, die groß angekündigt werden, aber nie in kaufbarer Form erscheinen. Der Begriff existiert seit den Achtzigern. Neu ist, wie professionell solche Ankündigungen inzwischen inszeniert werden: mit Messestand und einem Konzeptfahrzeug, das aussieht wie ein fertiges Auto und offenbar keines war.
Die Roboter arbeiten längst, nur nicht im Showroom
Während die Autosparte abgewickelt wird, zeigt der Dreame-Ableger Magic Atom auf der World Robot Conference in Peking, wie das vierte Kernfeld aussieht. Der Roboterhund MagicDog T1 wiegt ab 19 Kilogramm, trägt 15 Kilo Nutzlast, läuft bis zu 5 Meter pro Sekunde (also 18 km/h) und nimmt über eine Schnittstelle auf dem Rücken Module wie Greifer oder Gassensoren auf. Gedacht ist er für Inspektionen in Fabriken und Lagern, nicht fürs Wohnzimmer, wie SmarthomeAssistent berichtet.
Der Unterschied zum Raketenauto: Diese Maschinen existieren nachweislich. Magic Atom wurde 2024 aus dem Dreame-Umfeld ausgegründet, und die eigenen Roboter schuften seit Ende 2024 in einer Dreame-Fabrik, transportieren Material und beladen Produktionslinien. Die Navigation und Sensorik dahinter ist erkennbar dieselbe Technik-Familie, mit der auch ein X60 Pro Ultra durch die Wohnung fährt. Nur eben auf vier Beinen und mit Industriekunden als Zielgruppe.
Ein Konzeptauto muss nicht fahren können, das war schon immer so. Aber irgendwo zwischen Designstudie und ferngesteuertem Modell mit erfundenem Datenblatt verläuft eine Linie, hinter der aus Marketing Täuschung wird. Mich beschäftigt weniger das Auto als die Frage, wie viele der Spec-Zahlen, die Hersteller auf Messen zeigen, denselben Realitätsgehalt haben. Nachmessen bleibt der einzige Schutz.
Für deine Sauger ist das keine schlechte Nachricht
Man könnte den Kopf schütteln und weiterziehen. Ich lese die Abwicklung anders: Ein Hersteller, der aufhört, Investorengeld in Raketentheater zu stecken, hat wieder mehr Aufmerksamkeit für die Produkte, die bei Leuten wie dir und mir zu Hause stehen. Firmware-Pflege und App-Support sind unspektakulär, aber genau daran hängt ein Saugroboter nach dem Kauf.
Was bleibt, ist ein Glaubwürdigkeitsschaden mit Ansage. Beim nächsten Dreame-Datenblatt mit Superlativen werde ich an das Auto ohne Antriebsstrang denken. Zur IFA nächste Woche tritt Dreame mit neuen Saugrobotern an, der L60 Ultra ist bereits aufgetaucht. Ich schaue mir das an, mit einem Notizblock und etwas weniger Vertrauen als vorher.





