Schneider Electric übernimmt Shelly für 1,2 Milliarden Euro, und beim Lesen hatte ich zuerst die kleinen Relais im Kopf, die hinter unzähligen Lichtschaltern stecken und seit Jahren ohne Cloud in Home Assistant hängen. Die bulgarische Shelly Group war für viele der Beweis, dass Smart Home auch ohne Konto und Abo geht. Jetzt gehört sie bald einem französischen Konzern, der sein Geld vor allem mit Sicherungskästen und Gebäudetechnik verdient.
Die Mitteilung vom Donnerstag regelt vieles sehr genau. Nur die eine Frage, die Bastler interessiert, kommt darin nicht vor.
- Schneider Electric will laut Shelly-Mitteilung vom 24. September 2026 bar 70 Euro je Aktie zahlen, das bewertet die Shelly Group mit rund 1,2 Milliarden Euro
- Der Aufschlag liegt bei 27 Prozent auf den unbeeinflussten Kurs vom 28. Juli 2026 und bei 22 Prozent auf den Sechs-Monats-Durchschnitt von 57,50 Euro
- Die Gründer Dimitar Dimitrov (rund 29 Prozent) und Svetlin Todorov (rund 28 Prozent) unterstützen das Angebot, Dimitrov bleibt zusammen mit Wolfgang Kirsch Co-CEO
- Nötig sind 95 Prozent Annahme, die Freigabe der bulgarischen Finanzaufsicht FSC wird Ende November oder Anfang Dezember erwartet, der Abschluss bis zum ersten Quartal 2027, danach ist ein Delisting geplant
- Schneider sagt Hauptsitz, Belegschaft und Entwicklung in Bulgarien für mindestens drei Jahre zu, zur lokalen API und zum Betrieb ohne Cloud steht in der Mitteilung nichts
- Einzige schriftliche Lokal-Zusage bisher: die Works-with-Home-Assistant-Zertifizierung von Juli 2025, und die umfasst fünf Z-Wave-Geräte, nicht die WLAN-Linie
Schneider Electric übernimmt Shelly: 70 Euro pro Aktie, die Gründer sind dabei
Formal ist es noch kein Kauf, sondern eine Investitionsvereinbarung für ein freiwilliges Übernahmeangebot. Eine Tochter von Schneider Electric will 70 Euro in bar je Aktie bieten, macht zusammen rund 1,2 Milliarden Euro. Das steht so in der Mitteilung der Shelly Group vom 24. September, eine Ad-hoc-Meldung ging um 7:15 Uhr raus.
Interessant ist das Referenzdatum. Die 27 Prozent Aufschlag rechnet Shelly auf den Kurs vom 28. Juli, also vor den Übernahmegerüchten, über die laut heise schon im August berichtet wurde. Auf den Durchschnitt der letzten sechs Monate bezogen, 57,50 Euro, sind es nur noch 22 Prozent.
Die beiden Gründer halten zusammen rund 57 Prozent und ziehen mit. Dimitar Dimitrov gibt seine Anteile ab, steckt einen Teil des Erlöses wieder mit Schneider zusammen ins Unternehmen und bleibt neben Wolfgang Kirsch Co-Chef. Svetlin Todorov verkauft komplett, in zwei Tranchen, die zweite hängt noch an der Fusionskontrolle.
Durch ist der Deal damit nicht. Schneider will mindestens 95 Prozent der Aktien, die bulgarische Finanzaufsicht FSC soll Ende November oder Anfang Dezember entscheiden, abgeschlossen sein soll alles bis zum ersten Quartal 2027. Danach will Schneider die Aktie von der Börse nehmen.
Die Jobs sind für drei Jahre zugesagt, die lokale API nicht
Einen eigenen Abschnitt der Mitteilung bekommt Bulgarien. Schneider will den Hauptsitz dort halten, dazu die Organisation und die Belegschaft inklusive Entwicklung, Vertrieb und Management, und zwar für mindestens drei Jahre nach dem Abschluss. Das ist konkret und steht so in der Vereinbarung.
Zur Technik steht dort dagegen nur Selbstbeschreibung. Shelly nennt sich eine Plattform aus interoperabler Hardware, cloudgestützten Diensten und offenen Schnittstellen. Dimitrov spricht davon, Technik praktisch und offen zu halten. Eine Zusage, dass die lokale API bleibt und die Geräte ohne Konto funktionieren, steht nirgends.
Das muss nichts heißen. Eine Übernahmemitteilung ist für Aktionäre geschrieben, nicht für Leute mit einem Shelly 1PM hinter der Flurlampe. Es heißt aber, dass niemand etwas versprochen hat, auf das man sich 2028 berufen könnte.
Und Shelly hat die Schwelle schon einmal selbst verschoben. Im Mai kam mit den KI-Assistenten SoFi und MitRa das erste Abo der Marke, versteckt im zweiten Absatz der Pressemitteilung. Das war kein Verrat, die Relais laufen genauso lokal wie vorher. Seitdem ist „einmal kaufen, nie wieder zahlen“ bei Shelly eher Gewohnheit als Prinzip.
Das lokale Versprechen gilt bisher für fünf Z-Wave-Geräte
Es gibt eine Stelle, an der Shelly lokalen Betrieb tatsächlich schriftlich zugesagt hat. Im Juli 2025 trat die Firma dem Programm Works with Home Assistant bei. Laut Home-Assistant-Blog verpflichtet die Zertifizierung dazu, dass die Geräte ohne Cloud laufen, und zwar langfristig.
Der Haken liegt in der Geräteliste. Zertifiziert wurden damals fünf Modelle der Z-Wave-Serie Shelly Wave, darunter der Wave 1PM Mini und der Wave Pro 1PM für die Hutschiene. Die WLAN-Relais, mit denen Shelly groß geworden ist und die in vielen Home-Assistant-Installationen stecken, gehören nicht dazu.
Praktisch ändert das heute nichts. Die offizielle Shelly-Integration in Home Assistant spricht laut Shelly mit allen vier Gerätegenerationen direkt im Heimnetz, ganz ohne Cloud. Was sich ändern kann, sind neue Firmware-Stände und neue Geräte. Genau dort würde ich ab 2027 hinschauen: in die Changelogs der Firmware und darauf, ob die App bei der Einrichtung plötzlich ein Konto verlangt.
Schneider sitzt längst in deutschen Wänden
Für den deutschen Markt hat der Deal eine Seite, die in den Finanzmeldungen untergeht. Schneider Electric besitzt seit 2006 Merten aus Wiehl, den Schalterhersteller mit dem System M und Gründungsmitglied der KNX Association. Wer Merten an der Wand hat, drückt also schon heute auf einen Schneider-Schalter.
Shelly hat das Gegenmodell verkauft: ein kleines Relais, das in die Unterputzdose hinter den vorhandenen Schalter passt, egal von wem der ist, ohne Bus und ohne Elektriker-Software. Mit den smarten Leitungsschutzschaltern ist Shelly zuletzt selbst in den Verteilerkasten gezogen, also genau in Schneiders Kerngeschäft. Ab 2027 gehören Schalter und Nachrüst-Relais zum selben Konzern.
Das kann gut gehen, wenn Schneider Shelly als günstigen Einstieg neben KNX laufen lässt. Es kann auch bedeuten, dass die Nachrüst-Relais irgendwann in ein Profi-Ökosystem gezogen werden, in dem der Installateur bestimmt, was lokal erreichbar ist. Welche Richtung es wird, sagt die Mitteilung nicht.
Die offenen Marken werden weniger
Allein steht die Meldung nicht. Im Juni ging Nanoleaf für 40 Millionen Dollar an SwitchBot, und die Paneele wandern seitdem Schritt für Schritt in die SwitchBot-App. Samsung verlangt ab Oktober für den API-Zugriff auf SmartThings Geld. Es trifft jedes Mal Marken, die Bastler gerade wegen ihrer Offenheit gekauft haben.
Bei Shelly ist die Fallhöhe größer als bei Nanoleaf. Lichtpaneele an der Wand tauscht man zur Not aus, Relais in dutzenden Unterputzdosen nicht.
Mir fällt auf, dass ich bei Übernahmen inzwischen zuerst die Mitteilung nach Wörtern wie lokal und Konto durchsuche und erst danach auf den Preis schaue. Bei Nanoleaf habe ich das so gemacht, jetzt bei Shelly wieder. Offenheit im Smart Home muss man offenbar bei jeder Besitzerwechsel-Meldung neu prüfen, mit dem Kauf ist sie nicht erledigt. Und die Antwort steht fast nie drin.
Shelly nach der Übernahme: die kurzen Antworten
Wer übernimmt Shelly und für wie viel?
Schneider Electric. Der französische Konzern will über eine Tochter 70 Euro in bar je Aktie bieten, das bewertet die bulgarische Shelly Group mit rund 1,2 Milliarden Euro. Beide Gründer, die zusammen rund 57 Prozent halten, unterstützen das Angebot.
Wann ist die Übernahme von Shelly abgeschlossen?
Voraussichtlich bis zum ersten Quartal 2027. Vorher muss die bulgarische Finanzaufsicht FSC das Angebot freigeben, erwartet wird das Ende November oder Anfang Dezember 2026, und Schneider braucht mindestens 95 Prozent der Aktien.
Funktionieren Shelly-Geräte nach der Übernahme weiter lokal mit Home Assistant?
Die bereits verbauten Geräte ja, die Home-Assistant-Integration spricht sie direkt im Heimnetz an. Eine Zusage für künftige Firmware oder neue Geräte enthält die Übernahmemitteilung aber nicht. Schriftlich zugesagt ist lokaler Betrieb bisher nur für fünf Z-Wave-Modelle aus dem Works-with-Home-Assistant-Programm.
Bleibt Shelly in Bulgarien?
Ja, für mindestens drei Jahre nach dem Abschluss. Schneider will Hauptsitz, Organisation und Belegschaft inklusive Entwicklung in Bulgarien halten, Mitgründer Dimitar Dimitrov bleibt Co-CEO neben Wolfgang Kirsch.
Weiter Shelly kaufen, aber ab 2027 die Changelogs lesen
Wer heute ein Relais für Home Assistant sucht, hat durch den Deal keinen Grund, auf Shelly zu verzichten. Bis zum Abschluss 2027 ändert sich nichts, und die Geräte, die du jetzt verbaust, laufen mit ihrer heutigen Firmware lokal, egal wem die Firma gehört.
Beruhigt bin ich trotzdem nicht. Schneider hat Bulgarien drei Jahre versprochen, der lokalen Schnittstelle keinen Tag. Solange das so bleibt, lese ich ab 2027 jeden Shelly-Changelog genauer als diese Mitteilung.





