Shelly kannte ich bisher als die Marke für die kleinen Module, die man hinter Schalter und Steckdose klemmt, um ganz normale Lampen smart zu machen. Jetzt steckt die bulgarische Firma ihre Technik direkt in den Sicherungskasten. Die neuen Shelly Leitungsschutzschalter sind smarte Sicherungsautomaten, die sich überwachen und aus der Ferne schalten lassen. Und dann ist da noch, etwas überraschend, ein mobiles Ladegerät fürs E-Auto.
Was die Shelly Leitungsschutzschalter können
Ein Leitungsschutzschalter, im Fachjargon MCB (Miniature Circuit Breaker, also der klassische Sicherungsautomat in der Verteilung), ist erstmal nichts Aufregendes. Er fliegt raus, wenn zu viel Strom durch die Leitung will. Genau das machen auch die neuen Shelly-Modelle, ein- bis dreiphasig, mit Nennströmen von 10 bis 63 Ampere. Der Unterschied steckt im Wort „smart“: Diese Sicherungen melden ihren Zustand und lassen sich fernsteuern.
Sie schützen vor Überlast, Kurzschluss, Über- und Unterspannung, so weit das Pflichtprogramm. Dazu überwachen sie die Netzspannung und speichern jeden Schaltvorgang direkt auf dem Gerät, mit Zeitstempel und Quelle. Wer also wissen will, ob die Sicherung von Hand, per App oder durch einen Fehler ausgelöst hat, findet das im Protokoll. Eingebunden wird per WLAN, Bluetooth oder Ethernet. Preislich liegen die Shelly Pro MCBs je nach Phasenzahl und Nennstrom zwischen 77 und 100 Euro, deutlich mehr als ein simpler Automat aus dem Baumarkt, der für ein paar Euro zu haben ist.
Eine Sicherung, die man aus der Ferne schaltet, ernsthaft?
Das ist der Punkt, an dem ich kurz innehalte. Eine Sicherung per App auszuschalten klingt nach Komfort, kann aber auch nach Ärger klingen, je nachdem, was an dem Stromkreis hängt. Eine Wallbox aus der Ferne stromlos machen, weil man im Urlaub ist, okay. Den Kühlschrank versehentlich vom Netz nehmen, weniger schön.
Shelly hat den Einwand offenbar mitgedacht. Die Fernsteuerung lässt sich über einen physischen Schalter an der Front deaktivieren. Heißt: Wer das Gerät als reinen Schutzschalter mit Überwachung nutzen will, ohne dass irgendeine App den Stromkreis kappen kann, schaltet die Fernfunktion einfach hart aus. Das ist die ehrlichere Variante, als dem Nutzer die Entscheidung abzunehmen.
Dazu ein mobiler 11-kW-Lader fürs E-Auto
Das zweite neue Produkt passt auf den ersten Blick nicht ins Bild. Zusammen mit dem Partner TopAC bringt Shelly ein tragbares Ladegerät fürs E-Auto, den TopAC Portable EV Charger mit 11 kW. Es wird an eine handelsübliche CEE-16A-Drehstromsteckdose gehängt, das Kabel bis zum Typ-2-Stecker misst 5,6 Meter. Die Ladeleistung lässt sich zwischen 6 und 16 Ampere einstellen, was auch dynamisches Laden möglich macht, etwa im Takt mit einem Balkonkraftwerk.
Schutz gegen Überspannung, Überhitzung, Kurzschluss und Ableitstrom ist verbaut. Angesteuert wird per WLAN oder Bluetooth über die Shelly-App, dazu gibt es eine lokale Weboberfläche und ein Display mit Taster am Gerät selbst. Kostenpunkt: 246,33 Euro direkt bei Shelly, womit der Lader auf dem Niveau vergleichbarer Modelle anderer Hersteller liegt. Ein portabler 11-kW-Lader ist praktisch für alle, die keine fest installierte Wallbox wollen oder können, etwa zur Miete.
Lokal statt Cloud, das ist der rote Faden
Beide Produkte haben eine Gemeinsamkeit, und die ist mir wichtiger als jede einzelne Spezifikation: Sie laufen lokal. Der Lader hat eine eigene Weboberfläche, die MCBs lassen sich per Ethernet einbinden. Kein Zwang, alles über einen Server irgendwo im Internet zu schicken, nur damit man zu Hause eine Sicherung schalten kann. Das ist genau die Linie, die Shelly seit Jahren von vielen Smart-Home-Marken unterscheidet, und der Grund, warum die Geräte auch in Setups mit Home Assistant oder Homey beliebt sind.
Es passt zu dem, was Shelly zuletzt gebaut hat. Erst das Pro Sensor Add-on, das jedes Pro-Gerät auf der Hutschiene zum Sensor-Hub macht, jetzt die Sicherung selbst. Schritt für Schritt wandert Shelly aus der Unterputzdose in die Hausverteilung. Dass die Marke parallel ihr erstes Abo-Modell samt KI-Assistenten eingeführt hat, zeigt allerdings, dass nicht alles bei „lokal und gebührenfrei“ bleibt.
Für wen sich das lohnt
- Ja, wenn du ohnehin im Shelly-Ökosystem unterwegs bist und deine Hausverteilung überwachen willst, ohne dich an eine Cloud zu binden. Das Schaltprotokoll und die Spannungsüberwachung sind für Technikinteressierte echte Argumente.
- Eher nicht, wenn du nur eine simple Sicherung brauchst. Für 77 bis 100 Euro pro MCB kommt im Verteiler schnell eine vierstellige Summe zusammen, die ein normaler Automat für wenige Euro auch erledigt.
- Wichtig: Sicherungsautomaten gehören in die feste Hausinstallation. Der Einbau ist Sache einer Elektrofachkraft, nicht des Wochenend-Bastlers. Der mobile Lader dagegen ist Plug-and-Play.
Meine Einschätzung
Shelly bleibt sich treu und macht aus einem langweiligen Stück Elektroinstallation ein vernetztes Gerät, ohne den Cloud-Zwang, den andere als selbstverständlich verkaufen. Die smarte Sicherung ist nichts für jeden, dafür ist sie zu teuer und zu speziell. Aber für Leute, die ihr Haus bis in den Verteiler hinein im Blick haben wollen, ist sie genau das fehlende Stück. Der mobile Lader ist eher ein Nebenprodukt, solide und fair bepreist, aber ohne den Shelly-typischen Aha-Moment. Spannend bleibt die Richtung: Shelly ist längst keine Steckdosen-Firma mehr, sondern arbeitet sich konsequent durch das ganze Haus. Verglichen habe ich die Specs mit der Ankündigung bei Hardwareluxx.





