In Utrecht ist gestern Abend ein Audio-Protokoll vorgestellt worden, das ich seit Jahren vermisst habe. Es heißt Sendspin, kommt von der Open Home Foundation, und zielt direkt auf den Bereich, in dem Open-Source-Smart-Home seit Jahren am ehrlichsten zu seinen Schwächen steht: lossless Multi-Room-Audio, das tatsächlich synchron läuft.
Was Utrecht gestern Abend gebracht hat
Die offizielle Eventseite hatte vier Themenblöcke angekündigt: „How we build in the open“, „With Home Assistant Labs“, „With Sendspin“ und „With partners“. Drei davon waren das, was man von einem Foundation-Update erwartet, also Roadmap-Updates und ein paar Lab-Demos. Spannend wurde es im Sendspin-Block.
Das Tivoli Vredenburg war von 18:00 bis 22:30 ausgebucht, der Stream lief parallel, und der Live-Thread im Home-Assistant-Forum war innerhalb der ersten Stunde auf mehrere hundert Posts gewachsen. Die Open Home Foundation feiert ihr zweites Jahr, und das Event sollte zeigen, dass aus der Stiftung mittlerweile mehr geworden ist als nur das Dach über Home Assistant.
Sendspin: Das eigentliche Highlight
Sendspin ist ein offenes (Apache 2.0 lizenziertes) Multi-Room-Audio-Protokoll, das die Foundation gemeinsam mit dem Music-Assistant-Team entwickelt hat. Die Tech-Preview ist mit Music Assistant 2.7 Ende März gestartet, gestern wurde es offiziell als Foundation-Projekt gelabelt. Der Anspruch ist klar formuliert: ein lossless Audio-Stream, der über handelsübliche WLANs zwischen mehreren Lautsprechern synchron läuft, ohne dass man dafür ein Apple- oder Sonos-Konto braucht.
Die Zahl, die in Utrecht für lange Gesichter bei den Konkurrenten gesorgt haben dürfte, kommt aus den ersten unabhängigen Tests von XDA Developers: unter 0,05 Millisekunden Versatz zwischen zwei ESP32-S3-Geräten im selben Netzwerk. Zur Einordnung: AirPlay 2 liegt in unabhängigen Messungen bei ein bis zwei Millisekunden, Sonos S2 bei rund einer halben Millisekunde. Sendspin spielt damit nicht in derselben Liga, sondern eine darüber.
Was mich daran neugierig macht, ist nicht die Latenz, sondern die Hardware-Unabhängigkeit. Sendspin läuft auf jedem ESPHome-fähigen Mikrocontroller (also den günstigen ESP32-Bastelboards, die in der Home-Assistant-Welt seit Jahren als Standardplattform für DIY-Sensoren und Aktoren gelten). Das heißt konkret: zwei ESP32-S3-Boards plus passende DACs (Digital-Analog-Wandler, also die kleinen Chips, die das digitale Audiosignal in etwas verwandeln, das ein Verstärker tatsächlich spielen kann) reichen, und schon hat man ein Multi-Room-Setup, das technisch über AirPlay 2 hinausgeht. Wer schon mal versucht hat, einen DIY-Lautsprecher in eine bestehende Sonos-Gruppe zu bekommen, weiß, warum das ein größerer Punkt ist als es klingt.
Was das für Home-Assistant-Nutzer heißt
Heute ist Sendspin noch eine Tech-Preview. Wer es ausprobieren will, braucht Music Assistant 2.7 und entweder ESPHome-Hardware oder die Home Assistant Voice Preview Edition als Empfänger. Die Browser-Variante existiert auch, ist aber eher zum Testen gedacht. Wer keine Lust auf Bastel-Audio hat, sollte noch warten. Wer ohnehin schon ESP32-Geräte im Haus hat, hat seit gestern einen guten Grund, einen davon mit einem DAC zu verheiraten.
Die spannendere Frage ist, ob die Hardware-Hersteller mitziehen. Wenn ein Marktteilnehmer wie Wiim oder ein Lautsprecher-Bauer aus dem ESPHome-Umfeld Sendspin nativ unterstützt, hat die Foundation auf einen Schlag eine echte Alternative zu den geschlossenen Multi-Room-Stacks. Wenn nicht, bleibt es ein Protokoll für Bastler. Die Foundation hat angekündigt, dass weitere Partner-Implementierungen für Q3 2026 in Vorbereitung sind, ohne Namen zu nennen.
Mein Take
Sendspin ist das erste Open-Home-Projekt seit Matter, bei dem ich das Gefühl habe, dass die Foundation eine echte Lücke trifft. Lokales Smart-Home hatte bisher mit Home Assistant einen brauchbaren Steuerkern und mit Music Assistant einen brauchbaren Audio-Player. Was fehlte, war der Transport-Layer dazwischen. Den haben sie jetzt selbst gebaut.
Ob sich das gegen AirPlay 2 durchsetzt, hängt am Ende nicht an der Technik. Es hängt daran, ob ein paar Hardware-Partner den Mut haben, einen Lautsprecher zu bauen, der Sendspin von Werk aus spricht. Die Latenz hat die Foundation schon erledigt.





